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Deutschlands beste Arbeitgeber? Nur eine weitere Infografik!

Es war zu erwarten! XING, Focus und Statista küren Deutschlands beste Arbeitgeber, kündigen an, dass sie alles besser machen als die Konkurrenz. Und was kommt raus?

Noch eine Infografik mit den üblichen bekannten Großunternehmen in Deutschland. Größte Überraschung: BMW ist nur auf Platz 2!

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Mitarbeiter bewerten ihr Unternehmen – Ein Novum

Zunächst einmal: Es sind XING-Mitglieder befragt worden. Immerhin! Mitarbeiter aus Unternehmen! Echte!

In anderen Rankings und „Beste Arbeitgeber“-Contests werden bisweilen auch gern Audits in den Betrieben gegen Bezahlung durchgeführt, ohne dass die Mitarbeiterbewertungen einfließen. Anschließend wird ein Preis verliehen. So zum Beispiel bei „Great Place to work“, die zuletzt von sich reden machten, weil der Personaldienstleister Trenkwalder zu den Preisträgern 2011 gehörte. Trenkwalder war zuletzt im Rahmen des Amazon-Skandals in den Verdacht geraten, eben nicht zu den besten Arbeitgebern zu gehören.

Über den Wert solcher Rankings für das Recruiting gibt es viele Einschätzungen, unter anderem in diesem Blogpost von Christoph Athanas: „Welchen Wert haben Arbeitgeber-Rankings?“.

Nur wenige Betriebe wurden befragt

Mit der XING- und Focus-Studie sollte nun also alles besser werden. Die betroffenen Arbeitnehmer sollten selbst zur Sprache kommen „Die Stärke der Studie liegt darin, dass sie diejenigen befragt, die das Unternehmen am besten beurteilen können, die Mitarbeiter“ zitiert die XING-Pressemeldung den Focus-Chefredakteur Jörg Quoos. Die Mitarbeiter, die einen XING-Account haben, möchte man hinzufügen. Und was sind die Ergebnisse?

370 Unternehmen dürfen sich jetzt zu „Deutschlands besten Arbeitgebern“ zählen. Bei einer Auswahl von 800, in denen die Mitarbeiter befragt wurden. D.h. fast jeder zweite Betrieb hat es geschafft. Das finde ich sehr großzügig.

Zur Erinnerung: In Deutschland existieren laut Statistischem Bundesamt 3 620 576 Unternehmen. Das bedeutet, dass 3619 776 Betriebe nicht in die Erhebung einbezogen wurden.

„Jaaaa!“ werden nun viele sagen, „bei den befragten Unternehmen handelt es sich um die ganz großen. Und die bilden immerhin 27 Prozent der Arbeitnehmer außerhalb des öffentlichen Dienstes ab!“.

Ja genau, die ganz großen. Nur die! 73 Prozent der Arbeitnehmer werden damit außer Acht gelassen. Für alle Betriebe unter 1.000 Mitarbeitern gab es keine Möglichkeit bewertet zu werden.

  • Was ist mit all den Startups?
  • Was ist mit all den Familienunternehmen?
  • Was mit all den kleinen Handwerksbetrieben?
  • Was wäre denn, wenn Deutschlands beste Arbeitgeber vorwiegend in kleinen und mittelständischen Unternehmen zu finden wären?

Mein „Bester Arbeitgeber“ jedenfalls ist bei den 800 Unternehmen nicht dabei.

Ach und: 13.000 Mitarbeiter von 800 Unternehmen wurden befragt. Im Schnitt sind das also etwas mehr als 16 pro Betrieb (!).

Schwere Zeiten für das Recruiting in kleinen Betrieben

Für mich ist das Ranking wieder einmal ein Beweis, dass fast die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf die großen Unternehmen gerichtet wird, während die kleinen ignoriert werden – selbst die unbekannten Weltmarktführer, die sogenannten Hidden Champions.

Die öffentliche Konzentration auf die Großen wird dazu führen, dass Bewerber und Jobsuchende sich weiter auf diese Betriebe konzentrieren. Die Großen können sich dann vor Bewerbern nach wie vor kaum retten. Die Kleinen klagen über ihre Schwierigkeiten beim Recruiting und ihren ganz individuellen Fachkräftemangel.

In der Konsequenz heißt das für Bewerber: Große Chancen bei den Kleinen!

Deshalb empfehle ich Jobsuchenden stets, auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Jobsuche zu berücksichtigen und gebe zum Abschluss

7 Tipps zur Jobsuche bei den Heimlichen Siegern

  1. Lassen Sie bei der Jobsuche die Markenfixierung sein!
  2. Recherchieren Sie in XING und LinkedIn nach den Kleinen Ihrer Branche!
  3. Nutzen Sie Netzwerke und Jobbörsen für die Heimlichen Sieger, wie z.B. yourfirm
  4. Fahren Sie offenen Auges durch Gewerbegebiete!
  5. Schauen Sie sich die unbekannten Betriebe der Umgebung an!
  6. Bewerben Sie sich bewusst bei kleineren Betrieben, dort sind die Chancen auf Einstellung größer!
  7. Wenn Sie Karriere machen wollen: Bei Kleinen sind die Aufstiegschancen oft höher!

Dass sich auch für die kleinen Betriebe und Startups auszahlt, wenn sie zu Recruiting-Zwecken beizeiten mal Systematisch Kaffeetrinken gehen, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen?

Was meinen Sie: Wer ist denn Ihr ganz persönlicher „Bester Arbeitgeber“?

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von ‚Systematisch Kaffeetrinken‘. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der LVQ Weiterbildung gGmbH beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

Autor: Lars Hahn

Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken'. Hier persönlich. Sonst CEO @LVQ_Bildung. Bloggt über Recruiting, Karriere, Arbeitsmarkt, Weiterbildung, SocialMedia und vieles.

14 Kommentare

  1. Hallo Lars,
    klasse Artikel, danke!

    Drei Aspekte zur Ergänzung:
    1.) Für Großunternehmen spräche, dass es eher regional eine Chance gibt, dort Arbeit zu finden. Allerdings kann es regional auch unterschiedlich aussehen. Außerdem stimme ich allem sonst zu, was du kritisch angemerkt hast.
    2.) 16 Befragte pro Unternehmen? Im Schnitt! 16 ist zwar nicht viel, aber immerhin etwas. Aber im Schnitt? Wie viele sind es dann im konkreten Einzelfall? Fünf oder noch weniger? Oh jeh…
    3.) Den Ansatz über Xing finde ich dennoch interessant.

    Beste Grüße, Christoph

    Antworten
    • Danke Dir!
      Klar. Manche Menschen wollen oder müssen aufgrund ihrer Präferenzen bei einem dieser 800 Unternehmen tätig sein, weil sie nur zu Großen kompatibel sind. Aber sagt das nichts über „Deutschlands beste Arbeitgeber“ aus. 🙂
      Und grundstätzlich finde ich Mitarbeiterbefragungen auch gut. Ich hab selbst bereits Umfragen über XING mitgemacht und bin ja nun ausgewiesener XING-Befürworter.
      Umso mehr finde ich es schade, wenn das Potential, das in XING steckt, durch ein solch vereinfachendes Ranking nicht genutzt wird.

      Antworten
  2. Pingback: KW 11/2013 – fINDER’s Linkempfehlungen zum Kundenprotokoll meiner Webberatung, Quo Vadis Foursquare, Employer Branding und XING Zahlen | Social Media Business Networking

  3. Lieber Lars,

    Du erinnerst mich mit Deinem Artikel an eine alte journalistische Regel.
    Wird eine Geschichte verwirrend und undruchsichtig, dann folge dem Geld.

    Danke
    Markus

    Antworten
  4. Hallo Herr Hahn,

    mir hat ihre kritische Betrachtung der Auswertung sehr gefallen. Dennoch finde ich es wiederum auch interessant eine Auswertung über die ganz großen zu lesen. Die Aussagekraft für alle Betriebe oder den besten Arbeitnehmer-Betrieb in Deutschland ist natürlich gleich Null.

    Vielen Dank für deinen Artikel.

    Schöne Grüße
    Markus K.

    Antworten
    • Hallo Markus,

      so gesehen haben Sie natürlich recht. Spannend liest sie sich allemal. Und die Reihenfolge bisweilen überraschend anders als anderswo. 🙂

      LG
      Lars Hahn

      Antworten
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