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In der Fachkräftemangel? Blog-Duett mit Bettina Schöbitz

Blog-Duett. Zwei Autoren tauschen einmalig das Blog für ihren Beitrag. Ein Gast bei Systematisch Kaffeetrinken – Lars Hahn mal wieder auswärts. Und zwar diesmal im Blog der Respektspezialistin Bettina Schöbitz. Thematisch geht es in diesem Blog-Duett um das Thema Fachkräftemangel. Sechs  Fragen, sechs Antworten.  FachkräfteMangel-Blog

Während ich drüben bei Bettina Schöbitz meine Gedanken dazu beitragen darf, lasse ich sie jetzt hier zu Wort kommen. Hier kommt also der Beitrag von Bettina Schöbitz zum Thema Fachkräftemangel:

1. Gibt es einen Fachkräftemangel?

Ab 2015 geht bei uns die Generation „Baby Boomer“ in den Ruhestand. Bis 2025 werden rund 6,5 Millionen Fachkräfte Schreibtische und Werkbänke verlassen. Zeitgleich werden weniger Kinder in Deutschland geboren – die Demographie lässt grüßen. Jeder sechste Arbeitsplatz könnte so schon bald unbesetzt bleiben… Dennoch sehe ich in Deutschland kaum echten Fachkräftemangel. Bei Ingenieuren ist Nachwuchs wirklich knapp. Auch in der IT fehlt es an wirklich qualifizierten Bewerbern. Doch schon in der Medizinbranche und bei Pflegeberufen hege ich arge Zweifel am Fachkräftemangel. Denn dort gibt es reichlich Bewerber…doch Kliniken und Praxen lassen es häufig an Wertschätzung und Respekt vermissen. Hier ist der oft menschenunwürdige Umgang ein eklatanter Mangel, den alle Beteiligten spüren – ob Oberarzt oder Patient. Überstunden, Doppelschichten, antiquiertes Obrigkeitsdenken und immenser Kosten- und Zeitdruck gelten als „normal“. Klar, dass junge, gut qualifizierte Ärzte und Pflegekräfte da lieber ins Ausland gehen. Dahin, wo es überschaubare Arbeitszeiten, bessere Gehälter und vor allem eine wertschätzende Behandlung gibt. Dort, wo sie ihrer Berufung folgen und sich wirklich Zeit für den Patienten nehmen können. Gerade letzteres ist ein Grund, warum viele Fachkräfte das Empfinden haben, ihren „Job“  kaum mehr mit ihren persönlichen Werten vereinbaren zu können.

2. Welche Faktoren führen in Deutschland zum Fachkräftemangel?

Zuallererst spielt der Blickwinkel eine Rolle: Wenn ich als Personaler in Zeiten knappen Personalangebotes noch an alten Maßstäben messe und Kandidaten suche, die in mein „Schema F“ passen, dann wird es eng am Markt. Wenn ich Bewerber von Universitäten oder aus Ländern ablehne, die ich „nicht kenne“, verpasse ich unter Umständen wunderbare Kandidaten. Wenn ich Menschen aus dem Ausland nach Deutschland hole und mich um deren kulturelle Einbindung nicht schere, dann verliere ich geeignete Bewerber schnell wieder. Weil diese Menschen auf emotionaler Ebene schlicht „vor die Hunde“ und lieber zurück nach Hause gehen.

Vergütung ist Energie

Mitarbeiter kleinWenn ich als Unternehmer versuche, tolle Fachkräfte für so kleines Geld einzukaufen, dass die mangelnde Wertschätzung meinerseits schnell erkennbar wird – dann brauche ich mich wohl kaum zu wundern, oder? Arbeitgeber, die nach der „Geiz ist geil“-Mentalität agieren, finden keine passenden Bewerber – und klagen als Erste über einen Fachkräftemangel.

Hey, liebe Arbeitgeber…

Wer Leistung will, sollte diese angemessen vergüten und verstehen, dass Geld eine andere Form von „Energie“ ist. Geld ist die Gegenleistung für ins Unternehmen eingebrachte Energie des Mitarbeiters. Wer also wenig Energie (= Geld) bietet, darf auch nur wenig Leistung erwarten. Als Respektspezialistin wünsche ich mir eine Neubewertung des shareholder value. Dieser hat den Gewinn über die Menschen gestellt – damit die verdienen, die eh schon viel haben… Doch das wird schon bald so nicht mehr funktionieren, denn die Arbeitnehmer übernehmen das Regime und dann weht ein gänzlich anderer Wind. Dann sind Flexibilität, Wertschätzung, respektvolle Führung und klare Kommunikation gefragt.

3. Wie profitieren Bewerber davon und welche Veränderungen ergeben sich für sie?

Es entstehen in rasantem Tempo neue Berufsbilder. Der Arbeitgebermarkt wird – den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend – zum Bewerbermarkt. Das bedeutet, dass die Bewerber künftig marktbestimmend auftreten und ihre Anforderungen und Preise klar kommunizieren werden. Die Arbeitgeber müssen sich grundlegend umstellen, wenn sie nicht auf den letzten Plätzen landen wollen.

Denn der moderne Bewerber versteht ein Bewerbungsgespräch als das, was es ist: Eine Kennlernchance für BEIDE Seiten. Bewerber der Zukunft werden nicht mehr aktiv mittels Bewerbungsmappe und mühsam formuliertem Anschreiben nach einem Job suchen – sondern sich von engagierten Arbeitgebern „finden lassen“. Sie fordern selbstbewusst und mit einem Lächeln Freiheiten und Angebote, die vielen Arbeitgebern heute noch vollkommen undenkbar erscheinen – und die doch in naher Zukunft Realität sein werden. Flexibilität, Vertrauensarbeitszeit, leistungsorientierte Bezahlungen oder besondere Sozialleistungen sind nur einige davon.

4. Welche Chancen bietet der Fachkräftemangel für KMU?

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Wer jetzt kapiert hat und schnell handelt, trägt am Markt die Nase vorn. Arbeitgeber, die sich durch Respekt und Wertschätzung ihrer Mitarbeiter, Kunden und Dienstleister hervor tun, ziehen Menschen magisch an. Jeder Mensch wünscht sich Anerkennung  (Mitarbeiter wollen kein Lob!) für seine Leistung und Wertschätzung seiner Persönlichkeit. Auf dieser Ebene können auch kleinere oder in entlegenen Gebieten angesiedelte Unternehmen wunderbar punkten. Wir müssen in deutschen Unternehmen eine neue „Willkommenskultur“ entwickeln, damit neue Mitarbeiter schnell und offen Teil der Unternehmenskultur und des Teams werden. Fachkräfte aus dem Ausland?

Ein Blick ins Ausland kann sich ebenfalls lohnen, denn gerade in wirtschaftlich schwächeren Ländern gibt es qualifizierter Arbeitskräfte mit dem Willen zum Erfolg. Ebnen Sie diesen den Weg, indem Sie sie als Menschen mit persönlichem Umfeld behandeln und ihnen eine soziale Integration in Deutschland ermöglichen – angefangen vom Sprachkurs bis zur Organisation der soziokulturellen Einbindung. Damit die Menschen hier „ankommen“ und sich dauerhaft wohl fühlen können.

Generationswechsel = Zieländerung

Wer zudem mental auf die nachfolgenden Generationen zugeht und offen ist für deren vollkommen veränderte Erwartungen an die Arbeitswelt,  wird die passenden Bewerber gewinnen können. Junge Menschen und qualifizierte Fachkräfte wollen ernst genommen werden. Sie möchten zeitlich und räumlich flexibler, verantwortungsbewusster und freier arbeiten. Mehr „Life“ als „Work“ eben. Sie legen Wert auf vegane Versorgung in der Kantine und wollen an Leistungen statt an Zeugnissen gemessen werden. Sie möchten ihre Kinder aufwachsen sehen. Sie wollen arbeiten, um zu leben – statt leben, um zu arbeiten. Sie ziehen ihre Bestätigung aus anderen Dingen und Themen. Sie sind oft sozial engagierter. Sie werden kürzer in den Unternehmen verbleiben und bevorzugen liquide – also bewegliche – Strukturen statt starrer Hierarchien. Projekte statt Standardaufgaben.

Vier Generationen arbeiten unter einem Dach

Sketch22322525Dabei sollten jedoch die Mitarbeiter des mittleren Alterssegments keineswegs vernachlässigt werden. Das Problem: Viele von ihnen sind erst spät selbst Eltern geworden und stecken damit noch mitten in der Erziehungsarbeit. Zeitgleich sind ihre eigenen Eltern längst auf dem Weg in die Pflegebedürftigkeit. Dafür brauchen Unternehmen ein dickes Flexibilitäts-Plus. Denn diese Generation ist vorerst unverzichtbar: Sie ist Wissens- und Erfahrungsträger. Genau wie die Seniorengeneration, die in Stresssituationen gelassen bleibt, weil sie im Leben schon viel erlebt hat – und die damit ein echtes Plus für Unternehmen darstellt. Dafür möchte sie mit einem Plus an Respekt vor ihrer Lebensleistung und Einsatzbereitschaft belohnt werden. Diese Menschen leben von dem Gefühl gebraucht – also wertgeschätzt – zu werden.

5. Welche Rolle spielen Internet und social media für die Entwicklung in Sachen Fachkräftemangel?

Hochqualifizierte Bewerber werden zuerst anspruchsvoller. Die anderen folgen auf dem Fuß. Denn wo eine Knappheit des Angebots herrscht, diktiert der Anbieter die Preise. Und so erwarten Bewerber künftig, dass Ihr Wunscharbeitgeber einen richtig coolen Internetauftritt hat, sich in social media engagiert und am besten auch noch bloggt. Er sollte sich dabei nicht zu ernst nehmen, sondern auch über sich lachen können. Wichtig ist, sich authentisch zu präsentieren und damit den Bewerbern in ihrem Alltag immer wieder zu begegnen. Das schafft Vertrauen.

Um dem Fachkräftemangel vorzubeugen macht es Sinn, als Arbeitgeber in den sozialen Netzwerken nach geeigneten Kandidaten zu suchen und frühzeitig – also schon während der Uni oder Ausbildung – in den Kontakt mit diesen zu treten. Der Arbeitgeber der Zukunft bewegt sich auf den Kanälen, auf denen seine potentiellen Mitarbeiter unterwegs sind. Und er zeigt keine Scheu vor neuen Medien. Da darf es auch schon mal ein amüsantes Video oder ein lässiger PodCast dabei sein. Und überhaupt: Künftige Arbeitnehmer wollen Spaß bei der Arbeit haben, während sie ernsthaft an ihre Zielerreichung arbeiten. Also sind Arbeitgeber gefragt, die einen gewissen Coolnessfaktor haben und dabei authentisch sind. Denn aufgesetzte Coolness ist wirkungslos und albern.

6. Welchen Tipp haben Sie für Unternehmer, die dem Fachkräftemangel angemessen begegnen möchten?

Sketch223214113Brechen Sie aus Ihrem geistigen Käfig aus, der Ihren Blick für interessierte und qualifizierte Bewerber einengt. Werfen Sie auch mal einen offenen Blick auf soziale Fähigkeiten statt auf Zeugnisse und Zertifikate.  Sie stellen künftig keine „Arbeitskraft“ mehr ein, sondern ganze Menschen – denn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit wird mehr und mehr verschwimmen und Ihre Flexibilität eh hart auf die Probe stellen.

Ihr Job der Zukunft

Das Zauberwort heißt „Employer Branding“. Machen Sie sich einen Namen als Arbeitgeber der Zukunft. Als Unternehmen, welches dem ganzen Menschen ein „berufliches Zuhause“ bietet. Statt klassischer Stellenanzeige in der Tageszeitung darf es gerne ein flottes Video sein – eingebaut in ein emotional getextetes Stellenangebot auf Ihrer Website. Munter mit einem lässigen Spruch und der Bitte ums „Weiterteilen“ gepostet in Facebook oder getwittert. Sorgen Sie dafür, dass die Menschen im Netz über Sie als Arbeitgeber sprechen – und zwar positiv und mit einem Lächeln. So ziehen Sie die Menschen an, die Ihren Unternehmenserfolg gerne loyal, motiviert und zielgerichtet voranbringen. Gemeinsam mit einem erfahrenen Pool an „Alten“, die im Kundenkontakt überzeugen, die krisenfest und innerlich ruhiger sind. Fördern Sie beide Gruppen in Richtung gegenseitiger Wertschätzung – denn eine kann wunderbar von der anderen profitieren. Zum Wohl Ihres Unternehmenserfolges.

Systematisch Kaffeetrinken Bettina Schöbitz

Die Autorin: Bettina Schöbitz ist die Respektspezialistin. Sie bereitet den Boden, auf dem motivierte, leistungsfähige und loyale Mitarbeiter gedeihen. Ihre Kunden profitieren von reduzierten Kosten und einem Plus an Anziehungskraft auf Wunschkunden und Fachkräfte. Ihr Angebot umfasst Trainings, Coachings und Vorträge, in denen es um den Respekt vor sich selbst, Respekt vor anderen und um respektvolle Respektlosigkeiten geht. Bettina Schöbitz bloggt – und ist bei Twitter, Xing, Google+ und weiteren sozialen Netzwerken aktiv.

Autor: Lars Hahn

Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken'. Hier persönlich. Sonst CEO @LVQ_Bildung. Bloggt über Recruiting, Karriere, Arbeitsmarkt, Weiterbildung, SocialMedia und vieles.

7 Kommentare

  1. Pingback: Fachkräftemangel: Ein Blog-Duett zwischen dem Entdecker des Systematisch Kaffeetrinken und der Respektspezialistin | Respektspezialistin | Bettina Schöbitz

  2. Ein sehr schöner und ausführlicher Bericht zu diesem Thema. Ich bin wirklich gespannt wie sich das Ganze entwickeln wird. Ich persönlich sehe eher weniger das Problem des Fachkräftemangels, natürlich wird es in einigen Bereichen zu wenig Leute geben, aber dadurch das inzwischen so viele Schulabgänger studieren und viele vorallem die gleichen Studiengänge überbesetzt sind wird es hier auf kurz oder lang zu einem Überschuss kommen und die wirklich „Arbeiterstellen“ werden probleme bekommen.

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  3. Pingback: Klugscheisser-Tipp: Nach Social Media Aktivitäten einfach mal schweigen! | Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  4. Ein wirklich gut geschriebener Artikel zu dem Thema Fachkräftemangel & Employer Branding. Ich selbe betreibe seit 15 Jahren eine Personalberatung für die Sportbranche und hätte nicht gedacht, dass irgendwann einmal das Thema Fachkräfte einmal in diesem Markt ankommt. Doch wenn dauerhaft niedrige Löhne bezahlt werden muss man irgendwann auch damit rechnen, dass bei aller Attraktivität die der Sportmarkt mitbringt irgendwann auch jungen qualifizierten Kandidaten diesem Markt den Rücken kehren. Spannend zu sehen, dass das Thema auch in der Sportbranche immer wichtiger wird. Mal sehen, wie sich das Thema insgesamt weiterentwickelt und wie sich die Unternehmer darauf einstellen werden.

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  5. Pingback: Die Lügen vom Fachkräftemangel | Respektspezialistin | Bettina Schöbitz

  6. So wendet sich das Blatt… Ich selbst werde in den nächsten Monaten meinen Arbeitsplatz wechseln und wurde von Zeitarbeit Ulm abgeworben.
    Derzeit ist es nur so, dass ich voll das schlecht gewissen bekommen, da mein noch Arbeitgeber derzeit so gar keine neuen Mitarbeiter findet. Der Artikel beschreibt den Grund dafür sehr gut.

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