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Arbeitsmarkt für Akademiker. Statistik, Stellenmarkt und … Kaffeetrinken! #Karriere

Finde den neuen JobQuereinsteiger haben’s schwer!

Eine berufliche Neuorientierung oder Umorientierung scheint auch für berufserfahrene Akademiker oft ein schwieriges Unterfangen zu sein.

  • „Wie tickt der Arbeitsmarkt?“
  • „Welcher Beruf hat Chancen?“
  • „In welche Richtung soll ich gehen?
  • „Lohnt sich eine Weiterbildung?“
  • „Wenn ja, welche?“

Das sind einige Fragen, mit deren Antworten schon erfahrene Praktiker ihre Mühe haben. Wie ungleich schwieriger ist die Situation dann für Hochschulabsolventen oder Abiturienten, die manchmal kaum eine Einschätzung der beruflichen Praxis haben.

Wer quereinsteigen will, einen neuen Job sucht oder sich beruflich orientieren will, kann durchaus selbständig drei Stufen gehen:

  1. Stufe 1: Arbeitsmarkt in Zahlen und Statistiken auswerten
  2. Stufe 2: Stellenmarkt – Marktforschung in Job- und Stellenbörsen
  3. Stufe 3: IHR persönlicher Stellenmarkt – Systematisch Kaffeetrinken

Vorneweg: Wer sich mit „dem“ Arbeitsmarkt länger auseinandersetzt, erlebt zwei Überraschungen:

Erste Überraschung:

„DEN“ Arbeitsmarkt gibt’s gar nicht.

Zweite Überrasschung:

„DEN“ Beruf gibt’s auch kaum noch.

Arbeitsmarkt und Berufswelt – höchst dynamisch und uneinheitlich

In unserer aktuellen Arbeitswelt ist viel Bewegung, viel mehr als das noch vor fünfzig Jahren der Fall war. Digitale Berufe wie Suchmaschinenoptimierer und Hightech-Jobs wie Ingenieure für Nanotechnologie gab’s ja noch nicht mal vor 10 Jahren. Dann gibt es noch die unkalkulierbaren Schwankungen am Arbeitsmarkt. So hatten wir in der jüngeren Vergangenheit eine Lehrerschwemme, eine Ingenieurschwemme, und gar eine Ärzteschwemme. Im Moment alles sehr gefragte Berufe. Das kann sich aber schnell wieder ändern.

Aber jetzt kommen wir mal zu den drei Stufen der Arbeitsmarkt-Recherche.

Stufe 1: Arbeitsmarkt in Zahlen und Statistik

Wer sich beruflich orientiert, kann sich mit Hilfe der Arbeitsmarkt-Statistiken durchaus ein Bild über Trends, Entwicklungen, aber auch Ungereimtheiten machen. Zahlen lohnen sich immer, man sollte allerdings immer verschiedene Statistiken zu Rate ziehen und längerfristig beobachten.

Aktuell gibt die Bundesagentur für Arbeit eine neue Broschüre über den Arbeitsmarkt für Akademiker raus. Die hat’s durchaus in sich: Ingenieure wurden nämlich 2013 weitaus weniger gesucht, als noch sieben Jahre vorher, während Geisteswissenschaftler häufiger gesucht werden. Kollegin Svenja Hofert befasst sich drüben in ihrem Blog ausführlich mit den aktuellen Zahlen und kommt unter anderem zum Schluss, dass der nächste Schweinezyklus für Ingenieure durchaus denkbar sei.

Einige weitere Erkenntnisse aus den Zahlen der lesenswerten Broschüre:

Beschäftigung

  • In nur zehn ist die Zahl der Akademiker in Deutschland um 42 Prozent auf 8 Millionen angestiegen
  • Jeder 5. Erwerbstätige in Deutschland ist damit Akademiker.
  • Sozialversicherungspflichtig tätig sind knapp die Hälfte, nämlich 3,7 Millionen. Die andere Hälfte der Akademiker ist selbständig.
  • Es gibt Berufe mit überproportionaler Selbstständigkeit: Juristen, Ärzte, Architekten, Psychologen, aber auch Journalisten.
  • Jeder 5. erwerbstätige Akademiker ist über 55 Jahre alt (CHANCE!).
  • Die meisten angestellten Akademiker sind aus den Bereichen Management und Wirtschaft, Lehrer, Ingenieure (außer Bau).
  • Zeitarbeit, Befristung, Teilzeit sind bei Akademikern die Ausnahme

Arbeitslosigkeit

  • Es sind nur 2,7 Prozent Akademiker arbeitslos, das sind bundesweit immerhin 191.100 Personen.
  • Besonders hoch sind die Quoten in Werbung, Marketing 5,1 Prozent und Biologie, Biochemie 4,6 Prozent.
  • Immerhin 12 Prozent sind länger als 1 Jahr arbeitslos gemeldet, d.h. immerhin ca. 20.000 Akademiker deutschlandweit.

Arbeitskräftenachfrage

  • Nachfragerückgang 2013 bei Ingenieuren gegenüber 2007 fast 20 Prozent (!).
  • Geisteswissenschaftler plus 79 Prozent in der gleichen Zeit.
  • Vakanzzeiten: Die Besetzung der Stellen von Ingenieuren braucht doppelt so lange wie bei Sozialarbeitern (liegt’s vielleicht an der unterschiedlichen Arbeitsmarktkompetenz?).
  • „Die vieldiskutierten Fachkräf­teengpässe bei Ingenieuren resultieren in erster Linie aus dem Einbruch der Studierendenzahlen Mitte der 1990-er Jahre.“
  • Bachelor aller Fachrichtungen werden tatsächlich eingestellt, allerdings die aus Sprach- und Kulturwissenschaften besonders häufig  „unterwertig“.
  • Insgesamt sind 40 Prozent der Uni-Bachelor inadäquat oder fachlich adäquat, aber nicht akademisch beschäftigt.

Zusammenfassend: „DER“ Arbeitsmarkt für Akademiker ist nach diesen Zahlen durchaus heterogen zu betrachten: Es ist nicht alles Gold, was akademisch ist. Wichtigstes Manko von solchen statistischen Zahlenwerken ist jedoch immer, dass sie eher die Vergangenheit betrachten. Andere Zahlenwerke wie Trendreports zum Arbeitsmarkt, z.B. der Adecco-Stellenindex oder der Manpower-Arbeitsmarktindex sind eher global angelegt. Also: Zahlenwerke lohnen sich, um einen Gesamtüberblick über „DEN“ Markt oder ein Arbeitsfeld zu erhalten. Aber für den einen Job taugen sie eher bedingt.

Denn, wenn Sie einen Job suchen, brauchen Sie aber nur EINEN Job. Und das kann ganz gegen den Trend geschehen. WICHTIG ist dabei vielmehr, dass Sie genau wissen, wonach Sie suchen.

Und daran hapert es bisweilen.

Stufe 2: Stellenmarkt – Jobbörsen und XING-Recherche

Deshalb ist es auch so sinnvoll zu forschen, wie IHR persönlicher Stellenmarkt aussieht. Das geht paradoxerweise ganz gut, wenn Sie sich akribisch durch die vielen Jobbörsen durchhangeln. So lohnt es sich mit Keyword-Recherche bei Monster, Stepstone und Co. zu experimentieren und nach Jobs in Ihrem Interessensgebiet zu forschen. Von mir recherchiertes Beispiel: Der eine Key Account Manager soll Betriebswirt sein, der nächste Bauingenieur, der dritte Bio-Technologe. Der eine braucht zuerst Branchenkenntnis, während der zweite zuerst Akquisestärke und der dritte zuallererst fließende Englisch-Kenntnisse mitbringen soll. Alle tragen den gleichen Titel, doch die Anforderungen sind höchst unterschiedlich.

Sie lernen durch die Recherche in Jobbörsen, was gefordert und was gebraucht wird und lernen die verschiedensten Key- und Buzzwords der Personal-Experten kennen und einschätzen. Drüben im LVQ-Blog werden wir uns auch deshalb den Online-Jobbörsen widmen.

Besonders interessant erscheint mir bei den Jobbörsen der Ansatz des jetzt brandneu relaunchten XING-Stellenmarkts, der laut Selbstbeschreibung jetzt dezidiert die Bedürfnisse von Jobsuchenden durch Verknüpfung von kununu-Arbeitgeberbewertungen mit einbezieht. Lesenswertes dazu hat Mr. Personalmarketing2null Henner Knabenreich geschrieben.

Spannender noch als den XING-Stellenmarkt finde ich allerdings das systematische Durchforsten von XING-Profilen derer Menschen, die ähnliches tun wie SIE. Hier erfahren Sie frei Haus, was die potentiellen Kollegen oder Mitbewerber gelernt und studiert haben und welchen Werdegang sie hinter sich haben.

Stufe 3: IHR Stellenmarkt mit Systematisch Kaffeetrinken

Wenn Sie ungefähr wissen, wohin Sie beruflich möchten – aber vielleicht noch nicht so ganz –, dann gehen Sie zu Menschen, die dort arbeiten, wo Sie hin möchten und reden mit Ihnen. Tun können Sie das zum Bespiel auf Fachmessen oder Karrieretagen. Oder Sie reden mit Bekannten oder ehemaligen Kollegen. Oder Sie kontaktieren Menschen bei XING, die das tun, was Sie tun wollen. Gehen Sie mit ihnen Kaffee trinken. Natürlich systematisch.

Sie werden über IHREN Arbeitsmarkt eine Menge erfahren, wenn Sie Menschen über ihre Arbeit reden lassen. Und die Menschen reden gerne über ihre Arbeit!

Fragen könnten dabei sein:

  • Wie sieht Ihr täglicher Arbeitsalltag aus?
  • Welche Ausbildung braucht man dafür formal, welche wirklich?“
  • Wie sind Sie dahin gekommen, wo Sie heute arbeiten?
  • Was gefällt ihnen besonders an Ihrer Arbeit?
  • Was ist eher nicht so gut?
  • Welche Trends in der Branche sehen Sie?
  • Wo gibt es Bedarfe (gar in Ihrem Haus)?

Sie werden es erleben: Wenn Sie mit Menschen über ihre Arbeit plaudern, werden Sie viel erfahren über IHREN persönlichen, individuellen Arbeitsmarkt der Zukunft. Außerdem erfahren Sie viel über die Menschen, die erfahren aber auch viel von Ihnen. Nebenbei können Sie so einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und wer weiß? Vielleicht empfiehlt Sie schon bald einer Ihrer Gesprächspartner weiter?!

Oder haben Sie das gar bereits erlebt?

Was wirkt? Marktrecherche in Statistiken? In Jobbörsen? Oder gar beim Kaffee?

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Jobrecherche?

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von ‚Systematisch Kaffeetrinken‘ und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der „LVQ Weiterbildung gGmbH“ beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

Autor: Lars Hahn

Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken'. Hier persönlich. Sonst CEO @LVQ_Bildung. Bloggt über Recruiting, Karriere, Arbeitsmarkt, Weiterbildung, SocialMedia und vieles.

9 Kommentare

  1. Top Artikel, vor allem das dezidierte Vorgehen ist klasse dargestellt.

    In meiner täglichen Arbeit erlebe ich oft, dass für viele Arbeitsuchende die Jobrecherche tatsächlich absolutes Neuland ist.
    Sie sind noch altvertraute Mechanismen (Stellenteil in der Samstags-Zeitung, Termin in der Agentur für Arbeit etc.) gewohnt, verpassen aber dadurch viele wirklich interessante Stellen.

    Antworten
  2. Hallo Lars,
    wieder mal ein sehr guter Artikel von Dir. Kann Deine Erkenntnisse über den Arbeitsmarkt und Dein empfohlenes Vorgehen nur aus eigener Praxis bestätigen. Habe das „Kaffeetrinken“ im Rahmen der Jobsuche schon 1999 betrieben. Und es funktioniert heute noch 🙂
    Herzlichen Gruß,
    Henrik

    Antworten
    • Danke Henrik. Klasse, dass das vor 15 Jahren schon geklappt hat.
      Und das Coole heute ist: Mit XING, LinkedIn und den ganzen Netzwerken geht Systematisch Kaffeetrinken noch viel leichter und systematischer.
      😉

      Antworten
  3. Und selbst wenn es heute nicht funktioniert, wenn man einen guten Eindruck hinterlässt hält man öfter mal Kontakt, wenn man Kontakt hält wird man nicht vergessen und wenn dann irgendwann mal irgendwas aufploppt, an wen wird dann gedacht… Genau.. Den netten Onkel/die nette Tante.

    Bumm, da ist es wieder. Karriere ist planbar, nur eben nicht so wie die meisten es tun. Am wichtigsten ist nach wie vor tatsächlich ein nettes Netzwerk. Ich empfehle dabei noch, sich nur mit den sympathischen Kontakten dauerhaft einzulassen, Menschen die einem nicht in den Kram passen sollte man eher meiden und wenn es noch so karriereförderlich ist, es ist nicht gut für die Nerven. 😉

    Super Artikel Lars!

    Antworten
    • Danke Dir.
      Stimmt schon, dass man sich auf Dauer auf die „Netten“ konzentrieren sollte. Nur für die ersten Kontakte sind die „Nichtganzsonetten“ oft genauso hilfreich.
      Zumindest in der KensstDueinendereinenkennt-Phase.

      Antworten
  4. Angelika Preiß

    18/09/2014 @ 11:29

    Guter Artikel! Besonders gefallen mir die Interpretationshilfen zu den Statistiken. Und gleichzeitig auch die entsprechende Relativierung, denn man sucht immer nur eine Stelle. Aber es kann eben etwas über den notwendigen Aufwand der Suche aussagen und gibt auch Hinweise für eine zielgerichtete, nachhaltige Qualifizierungsmaßnahmen. Aus meiner Arbeit kann ich bestätigen, dass man das Thema Jobsuche wirklich umfänglich angehen muss. Auch Akademiker unterschätzen das oft.

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  5. E-Zigarette

    27/09/2014 @ 16:29

    Dein Artikel gefällt mir besonders gut. Der Beitrag zeigt, dass es auch die Akademiker schwer haben auf dem Arbeitsmarkt. 191.000 Akademiker bundesweit, die arbeitslos sind, finde ich erschreckend. Viele studieren einfach das, wo sie denken das wäre was für sie, aber das kann man nie so genau sagen, weil sich das Studium größtenteils mit der Theorie befasst. Meiner Meinung nach sollte man sich deshalb über den Job, den man in der Zukunft ausüben möchte, detaillierter beschäftigen. Das bedeutet: Ein Einblick in das Berufsleben bekommen (z.B durch Praktika) und dadurch das Arbeitsumfeld kennenlernen. Dann kann man sich auch die Frage stellen, ob der Job einen wirklich anspricht und ob man ihn wirklich ausüben möchte. Das tut unsere heutige Gesellschaft nicht und ist eher orientierungslos, wobei es viele Möglichkeiten gibt (eine davon ist die Berufsberatung) den richtigen Job zu finden.

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  6. Pingback: New Work Award. Wo ist sie, die neue Arbeitswelt? - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

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