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„Wissensgesellschaft is over“? Oder: Wissensarbeiter sitzen nicht auf ihrem Wissen, sie sorgen für Bewegung! #rp15

Wissensarbeiter lieben ihren JobWir leben also in der Wissensgesellschaft. Durch die Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche sind Wissensarbeiter das Rückrat unseres Wirtschaftssystems. Wer Wissensarbeiter ist oder wird, hat ausgesorgt. Soso! Oder doch nicht? Meint doch der Digitale Bohemian Holm Friebe, der dereinst mit Sascha Lobo das Buch „Wir nennen es Arbeit“ schrieb, glatt:

„Wissenschaftsgesellschaft is over!“


Die neue Arbeitswelt der Wissensarbeiter ist eines der Themen auf der Konferenz der digitalen Gesellschaft re:publica in Berlin. Vielfältige Aspekte der Zukunft unserer Arbeitswelt werden diskutiert: Alternative Formen der Arbeit zum Angestelltendasein, Konzepte von echter Work-Life-Balance, Trends der Rationalisierung von Arbeit durch Digitalisierung, Familienfreundlichkeit, und, und, und …   Und: Wissensarbeit.   Schauen wir uns das also noch mal an: Wie ist denn das jetzt damit? Sind jetzt die Wissensarbeiter die Stars der Zukunft der Arbeit, oder wird Wissensarbeit durch das World Wide Wissen bald tatsächlich überflüssig, weil auch das die Computer, das Internet und Big Data viel besser können als wir Menschen?

Was ist Wissensarbeit?

Es lohnt sich, den Ursprung des Begriffs Wissensarbeiter zu beleuchten. Denn bei der Wissensarbeit geht nicht mehr um das einmalige Aneignen und dann Haben von Wissen oder um Wissen als Macht, Herrschaftswissen. Wissen 1.0 war ungefähr so etwas: Man ging auf die Universität, studierte eine Wissenschaft – Rechtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Ingenieurwissenschaft, Naturwissenschaft – und danach konnte man mit dem erworbenen Wissen seinen Beruf in Wohlstand über Jahrzehnte ausüben. Es gab die wohlverdienenden Akademiker, die mit Wissen ihr Geld verdienten, und die weniger verdienenden Arbeiter und Abarbeiter. Und heute? Manche dieser klassischen akademischen Berufe sind gerade durch die Digitalisierung gefährdet.      
 
Insbesondere hochqualifizierte Menschen, die anspruchsvolle Routinetätigkeiten tun, sind davon betroffen. So identifiziert MIT-Forscher Andrew McAfee zum Beispiel Buchhalter und Anlageberater, deren Jobs besser von Computern erledigt würden, weil sie darin besser seien als Menschen. Ähnliches gelte für Steuerberater, Versicherungsmakler, Bibliothekare meint die Karrierebibel und erntet damit prompt den Widerspruch eben dieser Branchen. Klassische Bürojobs seien von der digitalen Jobrationalisierung besonders betroffen, meint die Süddeutsche in einer übrigens unbedingt lesenswerten Serie zur Zukunft der Arbeit (dort können Sie im Selbstest schauen, ob Ihr Job zukunftstauglich ist).      
 
Dass sich in Gegenwart und Zukunft Berufe durch die Digitalisierung verändern oder gar wegfallen, die sich in erster Linie mit der Verarbeitung, Analyse und Vereinfachung von umfangreichem Wissen befassen, da bin ich sicher. Da kann „das Digitale“ mit Computern, Big Data und Internet oft einfach mehr leisten, als wir Menschen.

Wissensgesellschaft – doch nicht „over“?

Kennzeichen moderner Wissensarbeit ist aber gerade nicht der routinemäßige Umgang mit komplexen Daten oder wie Holm Friebe das nennt: Algorithmisches Arbeiten. Algorithmisch in diesem Sinne = Eingabe-Prozess-Ausgabe. Zuverlässig, planbar und ergebnisorientiert. Denn dazu im Gegensatz gebe es heuristische Arbeit, in der Intuition, Kreatives, Unberechenbares, Menschliches im Vordergrund stehe. Und genau da setzt auch die Aufgabendefintion von knowledge workers, z.B. bei wikipedia an:

Wissensarbeiter – Teilen und Mehren von Wissen

Fähigkeiten von Wissensarbeitern sind demnach nicht Routineaufgaben, Standardprozesse und Dinge zu Vereinfachen, sondern „these include  

  • analyzing data to establish relationships
  • assessing input in order to evaluate complex or conflicting priorities
  • identifying and understanding trends
  • making connections
  • ability to brainstorm, thinking broadly (divergent thinking)
  • ability to drill down, creating more focus (convergent thinking)
  • producing a new capability
  • creating or modifying a strategy“ (Zitat: http://en.wikipedia.org/wiki/Knowledge_worker)

 

Wissensarbeiter sitzen nicht auf ihrem Wissen

Genau da liegt der Clou von zukunftsorientierter Wissensarbeit: Wissensarbeiter mit beruflicher Zukunft arbeiten nicht in der reinen Anwendung von Wissen, sondern bei Ihnen geht es unter anderem um Tätigkeiten wie

  • Teilen von Wissen
  • (Ver-)Mehren von Wissen
  • (Weiter-)Entwickeln von Wissen
  • Erklären von Wissen
  • Vermitteln von Wissen
  • Vernetzen von Wissen(-strägern)

Oder in einem Satz:  
Wissensarbeiter sitzen nicht auf ihrem Wissen, sie sorgen für Bewegung!

re:publica – Konferenz der Wissensarbeiter

In diesem Sinn ist die jährlich in Berlin stattfindende Konferenz re:publica ein Ort des Zusammentreffens von Wissensarbeitern. Durch den Austausch und das Teilen von Wissen entsteht dort stets etwas Neues und wird anschließend in die Welt getragen. Und da stört es auch nicht, dass sich selbst etablierte Unternehmen wie IBM, Daimler und Microsoft am Diskurs beteiligen. Microsoft setzte die im letzten Jahr angestoßene Diskussion um ein „neues Arbeiten“ fort oder gar „noch einen drauf“.      
 
Unter dem Hashtag #OutofOffice diskutierten sie über die „Neuerfindung von Arbeit“ und sprachen über Herausforderungen und Beispiele der neuen Arbeitswelt. Immerhin ein analoges Buch mit dem passenden Titel „Out of Office“ geschrieben hatten Elke Frank, Microsofts Personalchefin und Thorsten Hübschen, verantwortlich für das Office-Geschäft. Arbeit müssten wir „neu erfinden“. Der Titel lässt es ahnen: Ein Kernpunkt der Forderungen von Microsoft ist eine besondere Form von Home-Office, dem „Vertrauensarbeitsort“ als Erweiterung des Konzepts von „Vertrauensarbeitszeit“. Das ganze basiere auf dem Dreiklang „Mensch, Ort, Technik“. Menschen sollen überall arbeiten können, der Ort sei mithilfe moderner Technologie gar nicht mehr entscheidend. Daher – so eine der Forderungen müsse Deutschland auch in Breitbandtechnik investieren.      
 
Das Buch ist lesenswert, informativ und leicht geschrieben. Es lässt jedoch die gefärbte Brille zweiter Führungskräfte eines weltweit operierenden Unternehmens bisweilen erahnen. Passend dazu ist das ehrliche Statement von Co-Autor Thorsten Hübschen auf der re:publica:

Sympatisch: Genau wie Arbeitsministerin Nahles laden die Buchautoren zum Dialog und zu einem digitalen Bündnis ein. Damit steht #OutofOffice dann im Einklang mit anderen aktuellen Trends wie #arbeitviernull, #arbeit40 und #newwork.


 
Beim (fast) spontanen Treffen „Nennen wir es Arbeit? NewWork? Arbeit 4.0? Meetup @ #rp15“ mit fast 30 Mitstreitern am Rande der Konferenz wurde engagiert weiter diskutiert. Highlights:

  • Selbständigkeit, Freiberuflichkeit oder Angestelltentätigkeit sind per se weder Garanten für Freiheit oder Sicherheit bei der Arbeit.
  • Sinn der Arbeit, Flexibilität, Freiheit der Gestaltung steht für viele vor Sicherheit und materieller Versorgung.
  • Es gibt viele Organisationen, die noch sehr klassisch und traditionell arbeiten, wo Ansätze von NewWork überhaupt nicht zu spüren sind.
  • „Ich muss noch x Jahre bis zur Rente“ ist ein Auslaufmodell.
  • Lernen, Bildung und persönliche Weiterbildung/-entwicklung wird als essentieller Erfolgsfaktor für die neue Arbeitswelt gesehen.

Diskutieren wir weiter!
Wie sehen Sie Ihre Arbeitswelt der Zukunft?

P.S. Nachträglich spendierte Christian Müller neben seinem gelungenen Rückblick zur #rp15 auch noch ein Video zur Arbeiten 4.0-Session. Dankeschön!

 
Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von ‚Systematisch Kaffeetrinken‘ und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der „LVQ Weiterbildung gGmbH“ beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

Autor: Lars Hahn

Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken'. Hier persönlich. Sonst CEO @LVQ_Bildung. Bloggt über Recruiting, Karriere, Arbeitsmarkt, Weiterbildung, SocialMedia und vieles.

6 Kommentare

  1. Das Thema Informationsflut und Wissensarbeit war und ist sicher ein Thema, das uns weiter beschäftigen wird – nicht nur auf der re:publica. Leider sehe ich aber noch immer die Tendenz, Wissen nicht oder „falsch“ zu teilen. Einmal geschieht es, um sich Herrschaftswissen zu bewahren, Viel öfters denke ich aber, dass Wissen und Informationen in Informationssilos – nicht selten die persönliche Mailbox – gespeichert wird, wo es für andere nicht zugänglich ist. Ist das immer böser Wille? Nein, oft ist es einfach Gewohnheit. Es gibt also noch viel zu tun in punkto Aufklärung und im Bereitstellen besserer Technologien – von Lösungen, die E-Mail und soziale Netzwerke verbinden bis hin zu kognitiven Technologien wie IBM Watson.

    Schade. Das Meute habe ich leider verpasst.

    Antworten
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