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XING: Hamburg Topp, Essen Flop. Arbeitsplatz als Standortfaktor

Nach Essen wollen wirklich wenige Jobsuchende, sagt XING.
Nach Essen wollen wirklich wenige Jobsuchende, sagt XING.

Und wieder eine Befragung von XING und Statista mit interessanten Ergebnissen:

Hamburg ist sexy. Viele wollen dort arbeiten: An der Alster spazieren, in der Hafenstadt den Duft der weiten Welt schnuppern. Nordseenähe, Hanseatisches Flair. All das lockt anscheinend.

Trübe hingegen sind die Ruhrstädte: Essen und Dortmund sind Schlusslichter in der Gunst potentieller Mitarbeiter.

Sie leben wohl doch eher vom ewigen Image des grauen Ruhrpotts, als vom modernen Ruhryork, das die Hiesigen favorisieren. Auch wenn die Schlote nicht mehr rauchen, die Kumpels schon längst Geschichte sind: So richtig hin will hier kaum einer. Mit 48 Prozent ist Essen Spitze bei der Aussage „Dort möchte ich auf keinen Fall arbeiten“.

Arbeitsplatz Großstadt - Wieder mal nur ein Plus für die großen Arbeitgeber, diesmal in Form von Städten

Nun mag auch diese Befragung wieder Unschärfen haben. Ähnlich wie das kürzlich von mir rezensierte XING-Focus-Arbeitgeber-Ranking. Fraglich ist, wie Städte wie Idar-Oberstein, Bautzen, Saarlouis oder Rendsburg abgeschnitten hätten. Die Kleinen sind sicher auch hier hinten rüber gefallen. Schade für charmante Schwarzwaldregionen und Nordseeparadiese. Denn der Focus von Jobsuchenden wird unweigerlich auf die großen Städte gelenkt. Öffentliche Aufmerksamkeit geht also überproportional auf die Konzerne der Weltstädte.

Was heißt das denn nun für mittelständische Unternehmen der ländlichen Gebiete? Standortmarketing machen. Meine alte Heimatregion Ostfriesland – früher verschrien als Armenhaus Deutschlands, aus dem man am besten flüchtet, wenn man was werden will – beteiligt sich an der „Emsachse, Jobmotor Nordwest“.

Städte und Unternehmen aus dem Emsland und Ostfriesland werben eifrig um Fachkräfte mit zunehmendem Erfolg. Einen Akteur dieses Vorhabens konnte ich auf der Jobmesse Düsseldorf sprechen. „Wir bekommen Fachkräfte mit guten Argumenten: Gesunde Luft, Hightech-Arbeitsplatz, Gute Bedingungen für Kinder. Dazu ist aber aktives Marketing erforderlich, was einzelne Betriebe gar nicht leisten können.“

Verkehrte Welt – Ehemalige Armenhaus-Region wirbt um Fachkräfte

Verkehrte Welt: Im einstigen Goldgräber-Gebiet Rhein-Ruhr wirbt das ehemalige Armenhaus Emsland um qualifizierte Fachkräfte. Mit guten Argumenten. Über Ähnliches in Mecklenburg und anderswo hat Henner Knabenreich im Blog „Personalmarkteting2null“ kürzlich berichtet.

Am Beispiel meiner jetzigen Heimat Ruhrstadt wird klar, dass da noch Potential ist. Vergleichbares wird für Regionen in Brandenburg, Rheinland Pfalz oder Mecklenburg gelten.

Das Ruhrgebiet muss um sein Image als Standort und Arbeitsplatz der Zukunft noch kämpfen. Einzelne Betriebe – gar Mittelständler können Imagekampagnen in diesem Stil nicht leisten. Employer Branding ist da zu kurz gegriffen. Vielmehr geht es um Standort-Branding, idealerweise ohne das übliche Kirchturmdenken der Städte. Tun könnten das Wirtschaftsförderungen und Städte, aber zum Beispiel auch Hochschulen.

Denkbar sind aber auch Zusammenschlüsse von Unternehmen. Gemeinsame Anstrengungen von Betrieben einer gleichen Region in Marketing-Projekten könnten ein erster Schritt sein. Dazu gefällt mir das Projekt Kumulus gut, in dem Betriebe aus dem Bergischen Land gemeinsam ein Trainee-Programm starten können und auf Karrieretagen um Potentials werben. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Tipp für Arbeitgeber abseits der Trendstädte: Gehen Sie Systematisch Kaffeetrinken!

Schließen Sie sich mit bestehenden Initiativen zusammen. Mit Unternehmen gleicher Region oder Branche. Mit Verbänden oder Initiativen. Falls es sie nicht gibt, treten Sie Ihrer Wirtschaftsförderung oder IHK sanft auf die Füße. Treffen Sie sich regelmäßig, offiziell oder informell, quasi beim Systematisch Kaffeetrinken.

Tipp für Bewerber – Bessere Karrieren abseits der Trendstädte!

Gucken Sie sich genau an, ob die vermeintlich sexy anmutenden Städte auch bei näherem Hinsehen den besseren Arbeitsplatz und die höchste Lebensqualität bieten, oder ob nicht vielmehr ländliche Regionen und strukturschwächere Gebiete bessere Karrieren bieten. Und dazu meistens noch preiswertes Leben.

Ruhryork ist echt sexy!

Und zuletzt: Ich lebe seit über 20 Jahren in Essen. Jawohl! Ich bin mittlerweile assimilierter Ruhrie, lebe in einem der grünsten Stadtteile des Ruhrgebiets und liebe den dezentralen Ballungsraum!

Und Sie? Welche Stadt lieben Sie? Wo würden Sie besonders gerne arbeiten? Und wo auf keinen Fall?

P.S.: Ach, haben Sie’s gemerkt? Der gesamte Artikel kam ohne das Wort Fachkräftemangel aus. Bis grade. Zu recht, wie ich demnächst näher beleuchten werde.

11 Gedanken zu „XING: Hamburg Topp, Essen Flop. Arbeitsplatz als Standortfaktor

  1. Henner

    Klasse Beitrag, der mir aus der Seele spricht.
    Die Region Waldeck-Frankenberg versucht sich ja auch. Allerdings wenig durchdacht, wie man hier http://personalmarketing2null.de/2013/03/22/bleib-bei-uns-komm-zu-uns-recruiting-videos-fachkraeftemangel-waldeck-frankenberg/ nachlesen kann. Da sind die Herrschaften in Norddeutschland ein ganzes Stück weiter.
    Schöner Blog übrigens, alleine der Titel ist ein Traum! Ich werde jetzt mal systematisch Tee trinken :)

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    1. Lars Hahn

      Danke sehr! Tee geht auch, wie ich gestern live erleben konnte. Übrigens als gebürtiger Ostfriese schwöre ich auf Schwarztee. Und danke für das Kompliment.
      Die Leute von der Emsachse machen echt einen tollen Job. Zugegeben: Mit Nordsee lässt sich auch gut Werbung machen. Allerdings gilt die Region immer noch als provinziell, deswegen finde ich den Stil des Projekts auch gut: Zukunftsthemen auf der grünen Wiese.

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  2. Michael Rajiv SHAH

    Lieber Lars ...

    ein schönes Plädoyer für den Mittelstand und die Bodenstä(n)dtigkeit des systematischen Kaffetrinkens auf UnternehmerInnenniveau, die die eigentliche Mehrzahl Deitschlands ausmachen.

    Antworten
    1. Lars Hahn

      In der Tat MiSha! Deitschland ist mittelständisch. Und sogar ländlich, quasi fast wie Österreich und Indien. In viele Regionen. Und die kommen nun leider in den üblichen Städterankings wieder nicht vor. Wer kennt schon Pfaffenhofen, Greven oder Dippoldiswalde?
      Dort ist der Kaffee oft schmackhafter und sogar noch preiswerter.

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  3. Caroline

    Hallo Lars,
    ich habe die Studie auch gelesen und direkt geschmunzelt. Klar ist Hamburg schön, keine Frage. Wer kommt da nicht ins Schwärmen. Aber ich stimme Dir voll und ganz zu, dass wir vielleicht auch mal einen Blick über den Tellerrand wagen sollten. Denn auch andere nicht so "hippe" Städte haben ihre Reize.
    Ich bin z.B. von Münster nach Dortmund gezogen. Ich habe viele ungläubige Blicke von den Münsteranern geerntet. Von der lebenswertesten Stadt der Welt in den Ruhrpot?! Klar und ich bereue es kein Stück. Ich bin auch zum "Ruhrie" geworden, wie du es so schön definiert hast ;-) Die Menschen sind hier einfach viel direkter und offener als im spießigen Münsterland. Und günstiger ist es auch auf jeden Fall.
    Nicht nur Arbeitgeber sollten mehr Standortmarketing machen, sondern auch die Arbeitnehmern sollten mal darüber nachdenken, dass es sich auch außerhalb der Trendstädte durchaus lebenswert Leben lässt.
    Viele Grüße
    Caroline

    Antworten
    1. Lars Hahn

      Hallo Caroline,

      Münster -> Dortmund. Das ist Kontrast. Klar: Münsteraner finden das hart.
      Ich bin ja selbst zugereister Ruhrie, komme aus Ostfriesland. Die dortigen wundern sich auch immer.
      Das Schöne hier ist doch: Du bist ein paar Jahre hier und gehörst vollkommen dazu. In anderen Gegenden braucht man dafür Generationen. ;-)

      Und was Jobs angeht: Ja, für Bewerber sind die heimlichen Gegenden abseits der großen Städte oft viel verlockender. Man muss sie nur sehen. "Unserern" Jobsuchenden in der LVQ empfehlen wir seit Jahren: Guckt Euch die kleineren Unternehmen und die kleineren Städte genauer an. Für diesen Weg ist XING echt ein gutes Tool.
      Man muss es nur nutzen. :-)

      LG
      Lars

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  5. Kai

    Hallo,

    ein klasse Beitrag finde ich. Hamburg mag ja locken. Ich verspüre auch immer das Gefühl dort arbeiten zu wollen, aber die Mieten sind doch wirklich die andere Seite der Medaille. Die Probleme die wir im Ruhrgebiet haben, erlebe ich auch immer wieder in meiner Arbeit mit arbeitsuchenden Jugendlichen.
    Dennoch ist man, wenn man einmal hier wohnt, ein Teil des Potts ;-). Das ist schon sehr anziehend.

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