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Systematisch Kaffeetrinken als soziales Event. Gastbeitrag von Christian Müller.

Christian Müller bei SystematischKaffeetrinken
Gastbeitrag als soziales Event - Christian Müller

Christian Müller ist einer der emsigsten Schreiber, die ich kenne. Als Autor schreibt er regelmäßig auf www.karrierebibel.de und www.sozial-pr.net und arbeitet an seinem ersten Buch.

Als wir uns im Rahmen des Netzwerkes Karriereexperten.com erstmals persönlich sprachen, beeindruckte er mich mit dem Mix aus Social Media Experten und Sozialarbeiter-Hintergrund. Das hat nicht jeder, dachte ich damals schon.

Und als er nun einer der ersten war, der meine Einladung annahm, einen Gastbeitrag bei SystematischKaffeetrinken zu schreiben, war mein Themenwunsch klar:

"Christian, schreib uns was über das Crossover von sozialer Arbeit und sozialen Medien". Hier ist sein Gastbeitrag:

Social Media - allein der Begriff löst bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Während Menschen mit beruflichen Wurzeln im Kommunikations- und Marketingbereich größtenteils Interesse zeigen und Journalisten sich - wenn auch skeptisch - zumindest damit beschäftigen, sieht die Situation bei Sozialarbeitern, Erziehern, Heilerziehungspflegern und anderen Berufen aus dem Sozialbereich deutlich anders aus.

Dort herrscht oft nicht Skepsis, sondern blanke Ablehnung. Teilweise werden Social Media sogar als Wurzel allen Übels gesehen - ich übertreibe leider nicht. Eine Haltung, die so verständlich wie absurd ist. Verständlich, weil Menschen in sozialen Berufen im Lauf ihrer Ausbildung und Arbeit eine Haltung entwickeln - und dazu angehalten werden - die sich stark auf ihrer Klienten und deren Bedürfnisse fokussiert und auch den Schutz der Privatsphäre - zumindest gegenüber Dritten - in den Mittelpunkt stellt. Doch warum absurd?

Soziale Medien und soziale Arbeit - mehr als nur ein Wortspiel

Bereits die Namen lassen es erahnen - soziale Medien und soziale Arbeit haben mehr miteinander zu tun, als manchen Mitarbeitern der sozialen Berufe lieb sein dürfte. Dass die neuen Kommunikationskanäle früher oder später auch in die tägliche Arbeit einfließen werden, ist dabei nur ein Aspekt.

Für den einzelnen Mitarbeiter wird das Thema Social Media jedoch vor allem relevant, wenn es um Jobsuche und Reputationsaufbau geht. Genau hier können Mitarbeiter sozialer Beruf enorm von ihrer fachlichen Kompetenz und ihren persönlichen Stärke profitieren.

Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Meine fachlichen Wurzeln liegen im Sozialbereich. Als studierter Diplom Sozialpädagoge BA - die Bachelorabschlüsse wurden erst danach eingeführt - habe ich sowohl mit Menschen mit einer Behinderung, im Hospiz als auch mit älteren Menschen und als Referent in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Über die Öffentlichkeitsarbeit bin ich dann im Freiberuf als Coach, Autor und Kommunikationsberater gelandet.

Zugegeben, die Affinität und das Interesse für Social Media waren bei mir schon früh vorhanden, doch hier haben mir auch meine fachlichen Kenntnisse und Stärken enorm geholfen. Dieses Muster habe ich in vielen Coachings von Sozialarbeitern, Erziehern und Heilerziehungspflegern - um nur einige Berufsgruppen zu nennen - bestätigt gefunden.

Fachliche und persönliche Kompetenzen - perfekte Basis für die Kommunikation

In den Social Media geht es - Überraschung - um zwischenmenschliche Kommunikation und Beziehungsarbeit. Also genau die Kernbereiche der sozialen Arbeit und der dort arbeitenden Mitarbeitern. Konkret können Mitarbeiter der sozialen Arbeit…

  • … sich oft hervorragend in Gesprächspartner hineinversetzen.
  • … schnell Beziehungen aufbauen und festigen.
  • … durch ihre Kenntnisse der grundlegenden psychologischen Muster und Abläufe auch Zwischentöne hören und wahrnehmen.
  • … mit Fingerspitzengefühl in Gespräche und Kontaktaufnahmen gehen.
  • … die für nachhaltige Beziehungs- und Netzwerkarbeit notwendige Geduld aufbringen.
  • … Netzwerke aufbauen und stabilisieren.

Sozialarbeiter - das gilt bis zu einem gewissen Grad auch für andere soziale Berufe - sind es gewohnt, in Netzwerken zu denken und verschiedenste Partner für die Lösung von Problemen heranzuziehen. Diese Fähigkeit bringt sie dann auch in den Social Media weiter.

Soziale Jobsuche macht den Unterschied

Sicher, der Einstieg in die Social Media kostet etwas Überwindung und kann zu Beginn ungewohnt sein. Sowohl der Umgang mit der Technik als auch die Eigenheiten der Netzwerke bedürfen einer gewissen Eingewöhnungszeit. Doch sind diese Hürden erst einmal überwunden - was durch Learning by doing schnell machbar ist - kommen die fachlichen und persönlichen Stärken zur Geltung.

Mitarbeiter sozialer Berufe können schnell identifizieren, welche Kontaktpartner für ihre Suche wichtig sind, wie sie zu diesen Kontakt aufnehmen und welche Themen sich dafür am besten eignen. Auch beim Aufbau Ihrer Reputation können sie - wenn sie über ihren Schatten, sprich die oft anzutreffende Bescheidenheit und Zurückhaltung - springen, von ihren Kenntnissen profitieren.

Wie das konkret aussehen kann und worauf Mitarbeiter sozialer Berufe dabei achten sollten, zeige ich abschließend in der folgenden Liste. Mitarbeiter sozialer Berufe…

  • … kennen ihre Themen, Stärken und Schwächen meistens sehr genau.
  • … verfügen über ein hohes Maß an Selbstreflexion.
  • … können authentisch und glaubwürdig kommunizieren.
  • … sind meist hervorragende Geschichtenerzähler (Stichwort Storytelling).
  • … verfügen über viel Empathie und können sich daher in ihre Zielgruppe einfühlen.
  • … suchen den persönlichen Kontakt und haben hier oft geringe Hemmschwellen.

Dass die persönlichen Gespräche sich bei einem Kaffee - ganz systematisch - noch besser führen lassen, versteht sich von selbst.

Der Autor des Gastbeitrags: Christian Müller ist studierter Diplom Sozialpädagoge BA und über zahlreiche Stationen zur Arbeit als Coach, Autor und Kommunikationsberater gekommen. Er unterstützt Einzelpersonen im Coaching auf Grundlage seines Konzepts der Lebenskarriere bei der privaten und beruflichen Orientierung, begleitet Studenten in der Bildungsbegleitung. In Trainings und Unternehmensworkshops schult er Teams in Social Media Kommunikation und mobiler Video- und Audioproduktion. Abgerundet wird sind Angebot durch die Entwicklung von Kommunikationsstrategien und Konzepten.

 

7 Gedanken zu „Systematisch Kaffeetrinken als soziales Event. Gastbeitrag von Christian Müller.

  1. Juli

    Mit genau dieser blanken Ablehnung habe ich mich nun 2 Jahre lang auf meiner Arbeit in der stationären Jugendhilfe herumgeschlagen. Das Internet ist böse, der Feind, der böse Aushorcher, ein Zeitfresser, irreal, ein kranker Planet undundund. Dass ich mich im Internet so wohl fühle, blogge, bei Facebook angemeldet bin und Social Media nicht einfach nur schlimmschlimmschlimm finde, hat es mir im Kollegenkreis zunehmend schwer gemacht. Man verpasste mir einen "Außerirdischen"-Stempel. Wenn die Sprache darauf kam, schlug mir Ignoranz und Schweigen entgegen. Während sich meine Kollegen über ihr Treiben neben der Arbeit rege austauschen (Hausbau, Reisen, VW-Bus, Kinder), schlägt mir wirklich nur Schweigen entgegen, wenn ich mich mal traue 1-2 Sätze aus "meiner Welt" fallen zu lassen. Dann wird weggeschaut und gewartet, dass dieser außerirdische Moment einfach vorbeigehen möge.

    Vorbei geht nun meine Anstellung dort. Ich habe gekündigt, weil ich nicht länger bereit bin, mich mit einer derartigen Ignoranz, Ablehnung und Abwertung auseinander zu setzen. Das ist auf die Dauer nämlich demütigend.

    Dass Menschen in sozialen Berufsfeldern eigentlich für den Umgang mit sozialen Medien prädestiniert sind, ist leider nur eine Theorie, die der Alltag im Keim erstickt. Denn der gemeine Sozialarbeiter ruht sich lieber darauf aus, dass Gespräche nur dann von Wert sind, wenn sie face-to-face statt finden. Und ganz davon ab: Das Internet versaut die Jugend. So :)

    Antworten
    1. Lars Hahn

      So jetzt oute ich mich auch mal: Eigentlich wollte ich mal Sozialarbeit studieren. War aber nix, weil mir der Zivildienst vorher zeigte, dass ich nicht sozialarbeiterisch genug war. Allerdings ganz hab ich das "Für-andere-gut-sein-wollen" dann doch nicht ignoriert bei der Studienwahl und hab dann mal was mit Bildung gemacht. Nennt sich immerhin aus Pädagogik. Es waren viele Menschen drin, die anderen was Gutes wollen.

      1993 (!) tat ich dann was aberwitziges: Ich beantragte als erster in meinem Fachbereich, in dem sich auch die Sozialarbeiter und -pädagogen tummelten, eine E-Mail-Adresse und einen Zugang zum (Achtung!) INTERNET. Das war verwegen, war doch Orwell und Überwachungsstaat gleich mitgebucht. Untergang der Kommunikationskultur und des gesamten Abendlandes inklusive.

      Nun hab ich mein zwanzigjähriges Internetjubiläum. Und?!

      Ich glaub ja nicht, dass Sozialarbeiter nur alle ganz besonders Webfeindlich sind. In diesem Milieu tummeln sich vielleicht ein paar mehr von den Skeptikern, Datenpanikern, Hütern der einzig wahren authentischen Direktkommunikation. Ich glaub eher, dass das was mit Arbeitsplätzen zu tun hat. Je öffentlicher der Dienst, desto abgewandter das Gros der dort Arbeitenden. Was dieses Internet angeht, meine ich. Begegnet mir hin und wieder nämlich beruflich auch. Ich spreche ja in diesen Umfeldern bisweilen über - pssst - XING und Co. Da begegnet einem alles: Irritation, Befremdung, Angst, Ablehnung. Aber eben auch: Neugier, Interesse, Aufgeschlossenheit, gar Bewunderung.

      Dass Du Juli auf diesem Web-feindlichen Planeten so lange ausgeharrt hast, finde ich bewundernswert. Und noch mehr bewundernswert, dass Du das nun ziehen lässt. Glückwunsch! Und Neugier, was da als Nächstes kommt. Bestimmt was gaaaanz anderes.

      Und dennoch: Ich frage mal so: Gibt's ne Community im Web von geschädigten, ignorierten, abgelehnten SocialMedia-Sozialmenschen?

      Antworten
  2. Christian Müller

    Hallo Juli,

    die von dir beschriebene Ablehnung ist zwar kein Einzelfall, im Sozialbereich jedoch - glücklicherweise - auch nicht die Regel.

    Unverständnis schlägt Social Media affinen Sozialarbeitenden jedoch immer entgegen. Aus meiner Coachingarbeit und meiner Beratung weiß ich jedoch, dass das Verständnis langsam - wie jede intrinsische Veränderung im Sozialbereich - beginnt.

    Im Kinder- und Jugendbereich ist die Skepsis paradoxerweise allerdings am größten. Manchmal erlebe ich auch, dass die affinen Mitarbeiter die anderen Sozialarbeitenden mit ihrem Enthusiasmus schockieren. Hier ist gaaaaaanz viel Fingerspitzengefühl angesagt.

    Ich drück dir die Daumen für den neuen Job. Wenn ich helfen kann - einfach melden.

    Gruß,
    Christian

    Antworten
  3. Gerjet Kleine-Weischede

    Sowohl den Gastbeitrag als auch Julis Kommentar kann ich voll und ganz zustimmen.

    "Wer sich im multimedialen Kontext oder in Großstädten bewegt, klar, da braucht man Social media. Aber sonst???"

    Es fehlt ganz besonders im sozialen Sektor, in dem ich nun seit über 10 Jahren arbeite, an Verständnis dafür, dass es nicht nur ein Leben 1.0 mit Lagerfeuer, Teestube und Jugendfreizeit gibt, sondern dass ein Großteil der Gesellschaft (und zu denen gehören auch - manchmal ganz besonders - die "Klienten" im sozialen Sektor) Teile ihres Lebens im Internet kommunizieren, dort hin verlagern und ausleben.

    Die Möglichkeiten und Chancen, die Vernetzung, Austausch und Planung bieten (z.B. Erstellung eines XING-Profils zur kreativen und aktiven Arbeitssuche) werden nicht gewürdigt, sondern fast durchweg negativ hinterfragt.
    Ich glaube, dass der Grund dafür im oftmals defizitären Weltbild vieler SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen zu suchen ist - "du kannst/weißt/bist/darfst etwas nicht und ICH zeige dir, wie es geht". Dort, wo die "Klienten" plötzlich etwas können, was man selbst nicht beherrscht, tritt dann vielleicht eine Art Abwehrreflex ein - oder wie Juli es im Kommentar auf den Punkt brachte: "Das Internet ist böse, der Feind, der böse Aushorcher, ein Zeitfresser, irreal, ein kranker Planet undundund."

    Antworten
  4. Maik Meid

    Signed.
    Ja, auch ich war im ersten Leben mal Sozialarbeiter, so richtig "mit alles" und so. Ich habe allerdings auch folgende Erfahrung gemacht. Seit 2005 stecke ich hauptberuflich im Fundraising und seit 2009 mit dem Schwerpunkt digital. da kommt dann auch das ganze Social Media Zeugs dazu, womit ich dann seit ein paar Jahren in die ein oder andere Bütt darf.
    Fast jede Organisation hat ´ne Juli bei sich, die als interne Digital-Evangelistin unterwegs ist. Man glaubt ihr aber nicht, da Interne ja eh nichts zählen. Irgendwann ist die so laut, dass bei mir das Telefon klingelt. "Können Sie uns mal Facebook erklären?" oder aber auch gerne "Wir brauchen auch dieses Facebook-Gedöns...". Bereits am Telefon wird dann klar, dass die das gar nicht brauchen, sondern hoffnungslos verloren sind beim Versuch, adäquat und zielgruppengerecht zu kommunizieren.
    Und, das ist das interessante, häufig haben es schon Beratungsfirmen versucht und sind ganz einfach am Profit-Nonprofit-Canyon gescheitert, der genauso tief ist wie der empirisch belegte digitale Graben. Hier ist die Chance vom Ansatz, Sozialarbeit und Social Media mit einander zu verknüpfen.
    In diesem Sinne, go ahead!

    Maik

    Antworten
    1. Lars Hahn

      Der Profit-Nonprofit-Canyon. Den kenne ich. Gibt's in der Bildung auch. Allerdings bist Du ein lebendes Beispiel für mich dafür, Maik, dass der Crossover machbar ist.
      Möglicherweise gibt es mehr Sozialarbeiter da draussen im Social Web, als wir ahnen. Nach Deiner Theorie müssten es Tausende sein, oder?!

      Antworten
  5. Pingback: Fundraisingwoche vom 21.-27.10.2013 | sozialmarketing.de - wir lieben Fundraising

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