Springe zum Inhalt

Sie nennen es Arbeit. Für mich ist‘s Systematisch Kaffeetrinken.

Wissensarbeit oder Museum
Wissensarbeit oder nach alter Art?

Draußen: Menschen in Sonnenstühlen. Limo oder Bier trinkend am helligten Tag. Laute Musik allenthalben.

Drinnen: Menschen auf Affenfelsen. Kaffee trinkend. Allein am Notebook. In Gruppen redend und lachend. Vorträge zum Bersten voll. Informativ. Seriös. Witzig. Hitzig. Aktuell.

Überall: Viele Geräte 2.0: Smartphones, iPads, Surfaces, Notebooks. Es wird geschrieben, getwittert, gepostet und dabei gequatscht. Und überall gefilmt und fotografiert.

Willkommen auf der re:publica 2014!

Konferenz der Wissensarbeiter

Auf Deutschlands größter Internet-Konferenz re:publica in Berlin treffen sich jährlich Blogger, Internetfachleute, Menschen aus IT, Kommunikation, PR, Marketing, Journalismus, Social Media, Politik und sprechen über das Internet.

Im Schatten von Sascha Lobo, Edward Snowden und David Hasselhoff gibt es Fachvorträge, Diskussionen und Beiträge, die sich mit den verschiedenen Facetten der Digitalisierung unseres Lebens befassen. Eines davon ist die Auswirkung der Digitalisierung auf unsere Arbeit, was mich trendschnüffelnd natürlich interessiert.

Manifest der neuen Arbeit oder nur ein paar nette Tipps?

Einer der Diskussionsrunden auf der Konferenz befasste sich intensiv mit der neuen Arbeit. Microsoft Deutschland präsentierte nämlich sein „Manifest für ein neues Arbeiten“ mit dem Untertitel „Sie nannten es Arbeiten, für uns ist es unser Leben“. Gemeinsam mit dem Autor Markus Albers verfassten sie direkt noch „33 Regeln für erfolgreiche Pioniere“, in denen genauer beschrieben wird, wie die neue Arbeit aussieht. Hauptkritikpunkt im Raum war sogleich die Nutzung des Begriffs Manifest.

Manifest? Da war doch mal einer?! Wenn ein ausgerechnet ein großer Konzern Berlin-Mitte um den 1. Mai ein Manifest zur Arbeit ausruft, wabert schon ein wenig historische Heiterkeit im Raum. Dabei finden sich ernsthafte Thesen und Inhalte in Manifest und 33-Regel-Liste, die man übrigens komplett im Internet lesen oder runterladen kann. Das lohnt sich durchaus.

Neue Arbeit, Wissensarbeit – einige Highlights

Noch einmal eingedampft und komprimiert, sind folgende entscheidende Gedanken zur Wissensarbeit in Manifest und Regelwerk auszumachen:

  • Der Grad der Kundenorientierung entscheidet heut über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens.
  • Statt Sachbearbeiter braucht es dafür Wissens- und Beziehungsarbeiter.
  • Mitarbeiter arbeiten engagiert und eigenständig. Sie sind mehr Unternehmer als Befehlsempfänger.
  • Engagierte Mitarbeiter wollen wertgeschätzt, ernst genommen und individuell behandelt werden.
  • Das erfordert hohe Freiheitsgrade und agile, das heißt sich stets verändernde Prozesse und flache Hierarchien.
  • Standardprozesse funktionieren kaum noch, weil Arbeitsplätze und Aufgaben immer individueller werden.
  • Auch wenn Wissensarbeiter stets am Wissen arbeiten: Entscheidender werden mehr und mehr die weichen Kompetenzen und Eigenschaften, wie Lernfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Stressresistenz, Leidenschaft und Reputation.
  • Arbeit findet überall statt: Office, Homeoffice, Cloud, Reisen und Videokonferenzen.
  • Dazu braucht es natürlich keine statische Standardsoftware mehr, sondern eigentlich moderne Werkzeuge, die sich laufend und individuell an die Anforderungen der Wissensarbeiter anpassen.

Komprimiert: Das klassische Bild eines lebenslangen Berufs mit traditionellem Job von 9 bis zum 5 immer im gleichen Büro hat ausgedient. Jeder Wissens- und Beziehungsarbeiter ist demnach heute Unternehmer oder Freiberufler in seiner Organisation.

Bunte Runde zum #einfachmachen

„Ausgerechnet der langjährige Protagonist der vereinheitlichten Standardsoftware Microsoft fordert hier also den radikalen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt“, dachte ich im Vorfeld der Veranstaltung. „Das wird doch wohl keine Werbe-Präsentation mit Manifest-Feigenblatt?“

Unter der Überschrift #einfachmachen wurde unter Federführung von Moderator Richard Gutjahr durchaus kontrovers und konstruktiv über die neue Arbeitswelt diskutiert. Die bunte Gesprächsrunde reichte von Bloggern, über Microsoft Mann bis McKinsey-Personalleiter. Selbst das Publikum mischte sich konferenzkonform aktiv direkt und über Twitter unter dem Hashtag #einfachmachen ein.

Lerneffekt: #einfachmachen - nicht neu aber inspirativ

#einfachmachen ist ganz nach meinem Geschmack, ist es doch die doppeldeutige Aufforderung zum couragierten TUN einerseits und zum simplifizieren andererseits. Vieles von dem was Microsoft da präsentiert, ist zwar nicht neu. Es gibt unter anderem ein lesenswertes Blog über Wissensarbeit und ein Life-Work-Camp, das sich mit diesen Themen befasst. Der Mix aus Manifest, Diskussion, Erfahrungen und Wissen verursacht durchaus neue Lerneffekte. Mein Ergebnis daraus ist die

Quintessenz des neuen Arbeitens

  • Die Arbeitswelt verändert sich für alle. Aber nicht für alle treffen die gleichen Regeln zu.
  • Nicht jeder ist ein Pionier oder moderner autonomer Wissens- und Beziehungsarbeiter.
  • So ist das „Manifest für ein neues Arbeiten“ nicht pauschalisierbar für alle Arbeitenden.
  • Jedoch selbst „die Wurstverkäufern“ oder die Drogistin können Regeln der Eigenverantwortung geltend machen. Der Drogeriemarkt dm diente dem Publikum dabei wieder mal als positives Vorzeigebeispiel.
  • Der Sensibilität der Führungskräfte kommt eine Schlüsselrolle zu, denn auch sie dürfen sich ändern, wenn die neue Arbeitswelt denn klappen soll: Sie dürfen mehr zuhören, mehr loslassen, weniger schon vorher wissen.
  • Bereitschaft ist das Zauberwort! Mut zur stetigen Veränderung und Ergebnisoffenheit für Mitarbeiter und Führungskräfte.
  • Agilität oder flinke Beweglichkeit gilt eben auch für das Manifest von neuer Arbeit selbst.
  • Und dann war da noch McKinsey-Mann Holger Haenecke mit meinem persönlichen Favoritenwort der re:publica: „Personal Balance“ statt (des falschen und abgedroschenen) „Work-Life-Balance“. Danke dafür!

Draußen auf der Konferenz tummeln sich derweil überall die Wissens- und Beziehungsarbeiter. Und wer sie fragt, ob das jetzt Arbeit sei oder was sonst, Urlaub, Freizeit, Hobby oder was?

Der erhält zumeist höflich eine Antwort: Natürlich ist es Arbeit. Sie macht Spaß und ist Teil unseres Lebens. Systematisch Kaffeetrinken ist in diesem Sinn Arbeit in Reinform.

Abspann

Wie die neue Arbeitswelt aussehen wird und welche Themen Wissensarbeiter rumtreiben, ist auch Thema der neuen XING-Gruppe Arbeit.Zeit.Leben, an der ich als Co-Moderator mitwirken darf. Dort diskutieren wir zum Beispiel über neue Arbeitsformen, Familie und Job, moderne Führung, Arbeit und Gesundheit. Mitdiskutieren ist dort ausdrücklich gewünscht. Schauen Sie mal rein.

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken' und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der "LVQ Weiterbildung gGmbH" beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

14 Gedanken zu „Sie nennen es Arbeit. Für mich ist‘s Systematisch Kaffeetrinken.

  1. Rita Seidel

    danke für diesen lesenswerten Beitrag, Lars Hahn! Ein paar Anmerkungen möchte ich gern dazu loswerden:

    Kommunikation ist in der dienstleistungsorientierten Arbeit ein ganz hohes Gut, das Qualität und Vertrauen begründet. So lese ich auch das systematische Kaffeetrinken. Das ist das unschlagbar wichtige Fundament für alles weitere.

    Diejenigen, die die eigentliche Leistung erbringen, geraten in der Diskussion um die Arbeit der Zukunft in die Gefahr, aus dem Blickfeld zu rutschen. Egal, ob im Service, bei individuellen Gewerken oder Produkten von der Stange: Leistungserbringer haben nur selten die Wahl, an welchem Ort sie das tun. Das dürfte sich auch in Zukunft nur in ganz engen Grenzen wandeln. Als spätes Glied in der Wertschöpfungskette erzeugen sie einen großen Teil am Erfolg. Für die Zukunft wünsche ich diesen Arbeitenden ein größeres Bewusstsein für ihre Bedeutung, mindestens aber eine Unternehmenskultur, in der das Dankesagen für vermeintlich Selbstverständliches selbstverständlich ist.

    Antworten
    1. Lars Hahn

      Das mit dem "Manifest für eine Wurstverkäuferin" (aus der Diskussion) war genau in Ihrem Sinne gemeint. Und das Positivbeispiel dem kam nicht von ungefähr. Hier haben Leistungserbringer Bedeutung und Wertschätzung. Jeder sah den Unterschied zwischen dm und schlecker. In diesem Sinne können m.E. durchaus manche der microsoftschen Vorschläge auch für die Leistungserbringer gelten, oder?!

      Antworten
      1. Rita Seidel

        ganz bestimmt. Da Wurstverkäuferin und andere Leistungserbringer weniger Chance auf eine selbstbestimmte Intrapreneurship haben als Wissenarbeiter wird es ihnen schwerer fallen, eine Personal Balance zu finden. Da hilft nur Suchen helfen.

        Antworten
        1. Lars Hahn

          Möglicherweise suchen die aber auch weniger nach Selbstverwirklichung und leiden weniger als so mancher stressgeplagter Wissensarbeiter?

          Antworten
  2. Dieter-Michael Last

    Danke Herr Hahn, für den interessanten Bericht von der re:publica.

    Wie Sie schreiben, Vieles ist nicht neu. Genau genommen sogar nichts. Zumindest für mich. Aber ich kann da auch etwas nicht ganz verstanden haben.

    Für mich wird in der Diskussion «Arbeit.Zeit.Leben» (ich habe den XING-Titel einfach mal übernommen) zu viel mit sehr komplexen Begriffen hantiert. Dadurch, dass jeder sie anders interpretiert, entsteht bestenfalls ein polyphoner Kanon. Ich empfinde ihn jedoch oft als Kakophonie.

    Und schaut man dann mal genauer hin, dann stimmen die Begrifflichkeiten häufig schlicht nicht. Dann wird diskutiert und an der inhaltlichen Decke hier gezogen oder da. Nur, zu kurz ist sie deswegen immer noch.

    Ein schönes Beispiel erwähnen Sie selbst: Work-Life-Balance.

    Ein anderes, meinem Fachgebiet näheres, ist «Kundenorientierung». Ich kriege Pickel im Gesicht, wenn ich lese, wie wichtig das heute angeblich ist und wichtig das in Zukunft noch werden soll. Sorry, alles dummes Zeug. Umso mehr darüber geredet wird, desto weniger orientiert man sich am Kunden. Das Gegenteil ist Realität: «Prozess-Optimierung», «Komplexitäts-Verringerung», «schlanke Verwaltung» - das sind die Zauberwörter der modernen Ökonomie. Und der Kunde kommt bei alldem nur am Rande vor.

    Antworten
    1. Lars Hahn

      Danke Ihnen für den ausführlichen und deutlichen Kommentar.

      Das Drogeriemarkt-Beispiel zeigt für mich, dass vieles dran ist. Kundenorientierung hatte Herr Schlecker nun wirklich nicht postuliert. Dass es den Mitarbeitern dort schlechter ging, als bei Wettbewerbern, sah man nicht nur, man fühlte es.

      Bei öffentlichen, recht breiten Diskussionen werden Begriffe bisweilen recht unscharf genutzt, da stimme ich Ihnen zu und nehm mich selbst sogar nicht aus. Dennoch: Ich bin froh, wenn das Thema neue Arbeitswelt eine breite Öffentlichkeit erhält.

      Naja und der Work Life Balance-Begriff ist einfach falsch - und doof. ;-)

      Antworten
  3. Dieter-Michael Last

    Ihr Dank für den «deutlichen» Kommentar macht mich nachdenklich: Sind die berühmten Pferde mit mir durchgegangen?

    «DM» ist sicher ein gutes, vielleicht sogar ein Muster-Beispiel für ein Unternehmen, das vom Kunden und sogar vom Mitarbeiter her denkt. Und Schlecker ist ganz sicher der Gegenpol dazu. Wunderbar, wenn sich dann auch noch zeigen lässt, dass das eine, das gute Beispiel erfolgreich ist und das andere, das schlechte Beispiel eben nicht.

    Nur, so schön schwarz-weiss ist die Welt leider nicht. Zu «DM» muss man einfach noch den Faktor Götz Werner hinzurechnen. Wie viele Unternehmer kennen Sie, die sich ernsthaft dafür aussprechen, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben müsse?

    Aber Sie haben natürlich recht, es ist eine gute Sache, dass das Thema «Arbeitswelt» eine breite Öffentlichkeit erhält. Und das Spektrum des Diskussionswürdigen ist sicher ebenso breit wie die Öffentlichkeit sein sollte. Von der so genannten «neuen Arbeitswelt» bis zur Heimsuchung des bigotten Umgangs mit prekären Arbeitsverhältnissen und der Praktikanten-Ausbeutung.

    Aber ernsthaft diskutieren lässt sich so etwas eben nur mit entsprechender Begriffsschärfe. Und genau da erlebe ich ein erhebliches Problem. Genau das ist der Grund, warum in der XING-Gruppe «Arbeit.Zeit.Leben» bisher kein Kommentar von mir zu lesen ist.

    Antworten
  4. Pingback: Blogposting 05/24/2014 | Nur mein Standpunkt

  5. Pingback: Handys aus! NRW und die digitale Arbeitswelt. | Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  6. Pingback: New Work Award. Wo ist sie, die neue Arbeitswelt? - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  7. Pingback: Arbeitswelt Deutschland 2025: Katastrophe oder Paradies? Plus 5 Tipps, das rauszukriegen. - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  8. Pingback: Wissensarbeiter! Alles so 4.0 hier! Kompass, Grünbuch und Barcamp zur Zukunft der Arbeit #rp15 - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  9. Pingback: Beruf Social Media Manager? Ein Offline-Job! Plus #Tipps & #Buchtipp - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

  10. Pingback: Bingo! NewWork-Buzzwords! Alphabetisch! #BlogABC - Arbeiten 4.0 verändert die Welt (4) - Systematisch KaffeetrinkenSystematisch Kaffeetrinken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Indem Sie diese Webseite besuchen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. weitere Informationen

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Schließen