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Fachkräftemangel oder Bewerberkämpfe? Parallelwelten am Arbeitsmarkt

Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt? In der Stellenbörse nicht!
Fachkräftemangel gibt es in der
Stellenbörse noch nicht.

Prolog: Dieser Artikel befasst sich mit der Frage, ob es einen Fachkräftemangel im deutschen Arbeitsmarkt gibt. Vielleicht hab ich deshalb so häufig das Wort "Nein" benutzt.

Nein!

Schon wieder wird eine akute Fachkräftemangel-Diskussion durchs Arbeitsmarkt-Dorf Deutschland getrieben! Diesmal also "Märchen Fachkräftemangel". Zu nächtlicher Zeit flimmerte kürzlich der Arbeitsmarkt über den deutschen Bildschirm. Für alle, die damit nicht gerechnet und nächtliche Ambitionen hatten, den Beitrag live zu sehen: Im Zeitalter von Online-Mediatheken finden Sie ihn hier. Er ist sehenswert.

Märchen Fachkräftemangel

So sehenswert, dass direkt darauf Svenja Hofert, Bettina Schöbitz, Simone Janson, im MINT-Magazin und sogar der Grandmaster aller HR-Blogger Gerhard Kenk lesenswerte Beiträge zum „Märchen Fachkräftemangel“ schrieben.

Und ich so?

Nein.

Ich äußere mich diesmal nicht dazu. Hab ich doch bereits über Buzzword Vollbeschäftigung  und den Mythos Fachkräftemangel geschrieben, oder?

Wollte ich mich doch mal eigentlich versöhnlich in das Sommerloch verabschieden!

Ach nee! 'Muss ich doch noch mal kurz:

Grad diese Woche hatte ich ein paar interessante Episoden in meinem Beratungsalltag, die prima zur Märchenstunde über den Fachkräftemangel passen. Bei mir saßen nicht die Vorsitzenden von VDI, BDI oder BdA. Auch nicht die Professoren von IW oder DIW. Und auch nicht die Geschäftsführer und Vorstände von DAX 30 oder ausgewählten KMU. Noch nicht mal meine Kollegen Experten.

Es saßen zur Beratung über Karriere und Weiterbildung die Leute da, an denen es angeblich so mangelt. Qualifizierte Fachkräfte. Akademiker gar.

Ihnen mangelt es auch. An einem Job.

Akademiker-Downgrading am Arbeitsmarkt - 5 Beispiele aus Absurdistan

Es gibt sie verdächtig oft: Die qualifizierten Akademiker, die keinen Job finden und bisweilen absurde Vorschläge für ihre berufliche Zukunft erhalten. Woche für Woche sitzen ratsuchend welche bei uns in der LVQ. Grad mal fünf Beispiele aus meiner aktuellen Beratungspraxis der letzten zwei Wochen:

  • Der qualifizierte Maschinenbauingenieur, der keinen Job findet, weil er 55 Jahre alt ist und man ihm im Amt schon sagt, er solle sich doch direkt selbständig machen.
  • Die Umweltwissenschaftlerin, der das Jobcenter nach dem erfolgreichen Studium und einem Jahr Suche eine Umschulung zur Bürokauffrau anbietet (!).
  • Die promovierte Biologin, die nach sieben Jahren Familienphase bei der Agentur für Arbeit in die Kategorie "Wieder ungelernt" eingestuft wird.
  • Der Bachelor of Arts in Geschichte ohne Berufserfahrung, dem man eine knackige Weiterbildung in Marketing und Betriebswirtschaft versagt mit der Begründung, er sei ja Akademiker und somit schon genug qualifiziert.
  • Die Betriebswirtin, die drei Jahre im Management des elterlichen Betriebs die Insolvenz zu verhindern sucht und anschließend beim Jobcenter gesagt bekommt, dass sie ab sofort jede Stelle annehmen muss, auch als Putzfrau oder Servicekraft.

Manche von ihnen suchen bereits länger und kennen genügend Mitstreiter, die auch schon länger suchen. Wenn sie bei Jobvermittlern nachfragen, erhalten sie als Antwort, dass ihr Gegenüber zu viele Bewerber "zur Bearbeitung" habe.

Arbeitgeber-Mangel oder Fachkräfte-Mangel?

Meine Erfahrung ist: Wenn es einen Fachkräfte-Mangel bei Arbeitgebern gibt (und subjektiv haben einige Arbeitgeber einen Mangel), dann gibt es genauso einen Arbeitgeber-Mangel bei vielen gut qualifizierten Fachkräften.

Da haben wir es wieder. Der Arbeitsmarkt: Königskinder, die nicht zueinander finden.

Mangel an Respekt und Wertschätzung

Mein Ärger ist: Menschen, die Arbeit suchen, werden in der Debatte instrumentalisiert. Qualifizierte Spanier werden gegen zu qualifizierende Hiesige ausgespielt. Es wird fantasievoll demografisiert, ingenieurlückifiziert und MINTologisiert.

Stellen Sie sich vor! Wir haben 2025 tatsächlich 6 Millionen Arbeitskräfte zu wenig, behauptete noch kürzlich die Bundesagentur für Arbeit. Man stelle sich das Jahr 2025 vor: Jeder achte Arbeitsplatz verwaist. Notstand allenthalben. In zehn Jahren bereits.

Wie? Glauben Sie nicht? Ich auch nicht!

Mittlerweile wurden diese Zahlen häufig benutzt, vielfach zitiert und längst schon an vielen Stellen auch schon wieder relativiert.

Was bleibt? Karriereexperten, Recruitingprofis und HR-Fachleute haben es in der Hand, in diesem gleichzeitigen Durcheinander von „Fachkräftemangel“ und andauernder Bewerberkämpfe für Hilfe und Orientierung zu sorgen. Ich bin dabei!

Denn:

  • Es gibt Betriebe, die Schwierigkeiten haben, Stellen zu besetzen. Lasst uns ihnen helfen!
  • Es gibt viele Jobsuchende, die würden auch was gefragtes Neues beginnen. Qualifizieren wir sie!
  • Es gibt Jobs, die will kaum einer machen. Bezahlen wir sie besser!
  • Es gibt innovative Bereiche, die brauchen kluge Köpfe. Machen wir deren Jobs sexy!
  • Es gibt Politiker, die sorgen sich um die Zahlung der Rentenbeiträge. Sollen sie das auch so sagen!

Fachkräfte-Sommerloch und gedämpfte Urlaubsruhe

Epilog: Gestern kamen die aktuellen Zahlen zum Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit auf den Tisch. Im Sommerloch gibt's immer ein paar Arbeitslose mehr. Aber: "Die Nachfrage nach Arbeitskräften befindet sich weiterhin auf einem guten Niveau." sagt die ehemalige Anstalt. Während ihr hauseigenes Forschungsinstitut, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB von einem gedämpften Arbeitsmarkt spricht.

Tja nu?!

Somit haben Politik und Wirtschaft gleich zwei offizielle Quellen aus einem Haus, je nach dem wer's braucht. Und die @Bundesagentur hat auch gleich eine Erklärung:

 

Lars Hahn verabschiedet sich einstweilen vom Arbeitsmarkt in die urlaubsbedingte arbeitsfreie Zeit und wünscht Ihnen weiterhin einen schönen Sommer.

Hier geht's dann weiter Ende August. In der Zwischenzeit gibt's im Archiv viele Artikel zu lesen.

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken' und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der "LVQ Weiterbildung gGmbH" beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

7 Gedanken zu „Fachkräftemangel oder Bewerberkämpfe? Parallelwelten am Arbeitsmarkt

  1. Pingback: Fachkräftemangel oder Bewerberkämpfe?...

  2. creezy

    Danke für diesen Text. Über die Arbeitslosen mehr im Sommer musste ich auch gequält lächeln, in der Zeit in der üblicherweise die Zahlen zurück gehen, haben wir also mehr Arbeitslosen. Superstarke Konjunktur! Man weiß nicht, worüber man sich zuerst freuen soll!

    Antworten
  3. JBe

    Toll was alle über die Zahlen und fakten wissen.

    Die Ideen zur Verhinderung eines Fachkräftemangels sind im Ansatz gut.

    WER BRINGT JETZT DIE KÖNIGSKINDER ZUSAMMEN????????????

    Wer dazu den Mut aufbringt, wird heilig gesprochen.

    Leider sollte dieser Jemand gute Beziehungen in die Politik haben.

    Antworten
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