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Bewerbung: „Eine Stelle für ‚Ist egal‘ gibt es nicht“ #Positionierung

Dr Riechers

Zum Kaffee mit Dr. Cornelia Riechers im XING-Workspace

Zum Kaffee mit Dr. Cornelia Riechers. Seit 1991 ist diese als Outplacement- und Karriereberaterin tätig. Im bekannten Blog karrierebibel.de schreibt sie seit fast zwei Jahren als Autorin zu den Themen Berufswahl, Jobsuche, Bewerbung, Positionierung. Ich traf Frau Dr. Riechers auf einen Kaffee im XING Workspace Düsseldorf.

Lars Hahn: Frau Dr. Riechers, Sie sind bereits lange Zeit im Outplacement- und Karriereberatungsgeschäft, seit über 20 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Dr. Cornelia Riechers: Als ich angefangen habe, gab es fünf Anbieter in Deutschland, die sich auf Outplacement spezialisiert hatten. Mittlerweile gibt es ein Riesenangebot mit Beratern und großen Organisationen in diesem Bereich.

Die Nachfrage ist nicht so mitgestiegen wie das Angebot. Gleichzeitig könnte Outplacement noch viel bekannter werden.

Lars Hahn: Outplacement – das Rausgehen aus einem Job heißt ja gleichzeitig auch Inplacement, also Wieder-Irgendwo-Reinkommen. Was müssen Klienten heute anders machen als vor 20 Jahren?

Dr. Cornelia Riechers: Eigentlich nicht so viel: Eigenaktivität ist nach wie vor der Schlüssel. Auch in den 90-ern reichte es nicht aus, nur eine einzige Bewerbung zu schreiben.

Internet vereinfacht heute die Jobsuche

Lars Hahn: Naja, aber damals konzentrierte man sich auf die Bewerbungen. Heute gibt es viele Jobbörsen und die sozialen Netzwerke. Früher war es doch wenigstens übersichtlicher, was man als Bewerber tun konnte, oder?!

Dr. Cornelia Riechers: Das mit dem Internet stimmt zwar, aber letzten Endes ist es eher eine Vereinfachung für die Kandidaten. Der Markt ist transparenter, man kann sich aktiv präsentieren und direkt Ansprechpartner hinter den Fassaden finden. Man kann viel mehr über die Firmen erfahren als früher – auch bei XING, beispielsweise über die Unternehmensprofile und die Profile der Mitarbeiter.

Fleiß und Engagement bei der Bewerbung

Lars Hahn: Was ist der größte Fehler von Kandidaten bei ihrer Bewerbung?

Dr. Cornelia Riechers: Der größte Fehler ist, gar nichts zu machen. Wer eine Menge Fleiß einbringt, findet früher oder später eine neue Stelle. Wer hingegen glaubt, der Berater kann den Job für den Kandidaten finden, irrt. In der Regel ist das eigene Engagement das Wichtigste.

Positionierung: Eine Stelle für „Ist egal“ gibt es nicht.

Lars Hahn: Jetzt gibt es viele Karriereseiten im Internet, Karrierebücher, -bibeln, -päpste und
-experten. Verraten Sie uns doch mal Ihren ganz speziellen Tipp, den Sie sonst keinem verraten würden. Den absoluten Geheimtipp. Was ist das Wichtigste, was man bei der Jobsuche berücksichtigen sollte?

Dr. Cornelia Riechers: Das Beste ist, wenn man weiß, was man will. Bei der Karrierebibel hatte ich das ja auch schon geschrieben: Eine Stelle für „Ist egal“ gibt es nicht. Viele Bewerber kommen mit der Haltung „Ich darf mich doch nicht einschränken, ich muss doch offen sein für alles“. Genau das Gegenteil ist aber der Fall! Nur wer sich positioniert, hat auch eine Chance, etwas angeboten zu bekommen. Bei einem attraktiven Kandidaten fällt dem Firmeninhaber schon von selbst ein, ihm gegebenenfalls eine passende Alternative anzubieten. Da muss man nicht schreiben oder signalisieren: „Ist mir egal.“

Humor bei der Bewerbung hilft

Lars Hahn: Sie haben ja ein komisches Buch geschrieben, wo man zuerst einmal abgeschreckt sein müsste. Denn es heißt: „So bleiben Sie erfolgreich arbeitslos“. Kauft das denn einer? Das ist doch schon provokativ.

Dr. Cornelia Riechers: Wer das kauft, der hat sich ja in der Regel informiert, was das für ein Buch ist. Es gibt genügend Ratgeber für die „optimale, richtige, perfekte Bewerbung“. Ich wollte bewusst etwas anderes schreiben. Deswegen habe ich mal das Pferd – mit Humor – von hinten aufgezäumt. Der Klappentext warnt: „Vorsicht, Ironie!“ Das Buch soll vor allem unterhaltsam sein. Wenn jemand dann auch noch etwas lernt, ist das eine erwünschte Nebenwirkung.

Lars Hahn: Aber hinten schreiben Sie dann ja doch „10 Tipps für erfolgreiche Bewerber.“

Dr. Cornelia Riechers: Dazu hat eine Leserin gesagt, das sei wie Salbe auf die Wunden, die ich vorher aufgerissen hätte.

Lars Hahn: Wann sollte ich mich das erste Mal damit befassen, mich zu positionieren? Reicht es, wenn ich arbeitslos bin?

Frühzeitige Positionierung

Dr. Cornelia Riechers: Am besten macht man das frühzeitig schon vor Ende der Schulzeit. Wenn ich Menschen vor dem Abitur berate, wünschen sich die Jugendlichen oft etwas völlig anderes als die Eltern sich vorgestellt haben. Während des Studiums sollte man auf jeden Fall schon überlegen, in welche Richtung es danach gehen soll. Häufig brauchen Absolventen nach dem Studium professionelle Unterstützung, um den Berufseinstieg zu schaffen.

Lars Hahn: Ist das wirklich so? Oder kommen viele nicht erst nach langer Berufserfahrung, wenn das „Kind schon in den Brunnen gefallen ist“? Wenn Enttäuschung oder gar Burnout eingetreten sind?

Dr. Cornelia Riechers: Das gibt’s schon. Aber in meiner Praxis kommen viele Menschen glücklicherweise früher. Dann sagen Leute als Berufseinsteiger oder erst seit kurzem im Job: Ich brauche eine neue Richtung. Die Leute im Schock sind dann oft eher die, die von der Firma geschickt werden, die entlassen werden.

Lars Hahn: Was ist wichtiger? Zu schauen, wohin tendiert der Arbeitsmarkt oder zu schauen, was interessiert mich und was passt zu mir?

Positionierung: Was passt zu mir?

Dr. Cornelia Riechers: Eindeutig „was passt zu mir“. Ich kenne Leute, auch berühmte Leute, die ihre Jobs selber erfunden haben, wie zum Beispiel der Rezitator Lutz Görner. Der hat festgestellt, dass er sich in seinem erlernten Beruf als Schauspieler nicht so wohl fühlte, und hat die vergessene Kunst des Rezitierens wiederbelebt. Damit ist er gut durchs Leben gekommen.

Wenn einer wirklich den inneren Drang dazu hat, dann kann er auch gegen Trends und Widerstände einen Job finden, der passt, und damit auch Geld verdienen.

Lars Hahn: Frau Dr. Riechers, vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von ‚Systematisch Kaffeetrinken‘ und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der „LVQ Weiterbildung gGmbH“ beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

 

Autor: Lars Hahn

Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken'. Hier persönlich. Sonst Geschäftsführer @LVQ_Bildung. Bloggt über die Arbeitswelt, Social Media und allerlei Digitalkram.

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